MONT ST MICHEL
HELMUT WYRWICH

Der ehemalige Chef des Autoherstellers starb im Alter von 88 Jahren – Eine Würdigung

Jacques Calvet wurde 88 Jahre alt. Es war sehr ruhig um ihn geworden. Er war fast schon vergessen. Sein Tod aber erlaubt einen Rückblick auf eine Zeit, in der von großen Allianzen noch nicht die Rede war.

Es war eine andere Zeit. Eine Zeit, in der man Automanager werden konnte, ohne von der Industrie auch nur die geringste Ahnung zu haben. Jacques Calvet verstand von der Industrie nichts, als die Familie Peugeot ihn 1982 zu Hilfe rief, um das Unternehmen zu retten.

Calvet war ursprünglich kein Industrieller. Er hatte die Verwaltungsschule ENA absolviert, war zu Beginn seiner Karriere in den Rechnungshof gegangen, dann in die engere Mannschaft des damaligen Staatssekretärs, späteren Finanzministers Valéry Giscard d’Estaing. Als Giscard d’Estaing Staatspräsident wurde, wechselte Calvet in die BNP, wurde zunächst stellvertretender Generaldirektor, dann Generaldirektor, um eines Morgens aus dem Radio zu hören, dass er entlassen worden sei.

Das Calvet-System

Es war die Zeit des François Mitterrand, der als Staatspräsident die Kommunisten in seine Regierung übernommen hatte und sein Versprechen der Verstaatlichung von Banken und Industrie erfüllte. Es war die Zeit, in der die Regierung die Wirtschaft bestimmte und wichtige Position gnadenlos mit eigenen Leuten besetzte. Es war auch die Zeit, in der der Crédit Lyonnais die Staatsbank für den Staatspräsidenten wurde, sich in den Ruin bugsierte, in einen jahrzehntelangen Streit um Adidas begab, mit einer „Bad Bank“ einen Milliardenschaden hinterließ, dann als LCL wieder auferstand.

Dem Automobilfabrikanten Peugeot, der sich Citroën einverleibt hatte, ging es im Jahre 1982 nicht gut. Er schleppte 34 Milliarden Francs Schulden mit sich herum. In den Geschäftsjahren 1980 bis 1982 hatte er einen Verlust von 5,6 Milliarden Francs eingefahren. Sein Geschäft machte er zu 85 Prozent in Europa, damals schon ein Markt, der als ausgereizt galt. Was brauchte der Peugeot-Konzern? Einen Finanzfachmann, der das Unternehmen wieder flott machte. Später sollte sich herausstellen, dass Calvet eine Art Lee Iacocca war. Der hatte etwa zur selben Zeit Chrysler wieder flott gemacht. Ein Automobilkonzern, der später eine Allianz mit Mercedes einging. Peugeot fand in der späteren Nachfolge Carlos Tavares, der jetzt eine Fusion mit Fiat Chrysler eingehen will. Hier vollendet sich über die Personen industrielles Schicksal.

Als Calvet bei Peugeot anfing, lernte er Automobil. Er legte sich unter einen Wagen, um zu lernen, wie ein neuer Lack sich auf dem Blech befestigte. Seine Frau bat er, sich auf den Beifahrersitz und den Fahrersitz zu setzen und zu prüfen, wie es um die Innenspiegel für die Kosmetik und um Ablageflächen für die Bedürfnisse von Frauen bestellt war. Volvo wird Jahre später Frauen als Expertinnen in neue Autos setzen und das Calvet-System imitieren.

Kein Diplomat

Calvet ist kein Diplomat. Er liebt das klare Wort. Einmischungen von Brüssel weist er zurück. Den Euro, wie er sich damals abzeichnet, liebt er nicht. Und Importe aus Japan erst recht nicht. Er macht sich dermaßen unbeliebt, dass er aus der Vereinigung der europäischen Konstrukteure ausgeschlossen wird. Calvet begreift aber auch, dass es nicht reicht, die Finanzen des Unternehmens zu sanieren. Peugeot braucht die richtigen Produkte. Peugeot muss seine Produktion modernisieren, Peugeot muss Personal abschmelzen.

Der Manager bleibt 15 Jahre an der Spitze des Unternehmens. Renault ist und bleibt der ewige Herausforderer. Der Renault 5 und später der „Supercinq“ machen Peugeot das Leben schwer. Im Jahr, in dem Calvet Peugeot übernimmt, kommt der Peugeot 205 heraus, das französische Gegenstück zum Renault 5. Calvet beginnt mit diesem Modell einen beispiellosen Erfolgszug. Bis 1998 werden von dem „Volkswagen“ Frankreichs fast 5,3 Millionen Exemplare verkauft. In der Mittelklasse findet Calvet das Modell 504 vor, das bis 1996 mit 3,7 Millionen Exemplaren und mit seinem bis heute beispiellos schönen Cabrio für das Unternehmen einen Erfolg darstellt, der sich seit dem Ende 1996 nicht wiederholt hat.

Werbefachmann an der Seite

Calvet hat das Glück, eine Ikone der französischen Werbung an seiner Seite zu haben, Jacques Seguella. Der nimmt sich der Marke Citroën an. Diese Marke hat das Ende der sagenhaften „DS“ (Déesse-Göttin) nicht verdaut und befindet sich im Sturzflug. Seguella baut das Image der Marke wieder auf, die sich allerdings über lange Jahre mit Qualitätsproblemen herumschlagen muss und erst mit den C-Modellen und der neu aufgelegten DS Marke wieder zu Erfolg kommt.

Als Calvet nach 15 Jahren an der Spitze das Unternehmen verlässt, hat er Peugeot zum Vorreiter der Dieselmotoren gemacht. Dem Unternehmen geht es gut. Er hat harte Streiks in den Werken Sochaux, Poissy und Mulhouse bestanden. Er hat Roboter in die Produktion eingeführt, die Produktionsplattformen modernisiert, die Belegschaft um 27 Prozent reduziert. Peugeot ist ein moderner Automobilhersteller, hat alle Trümpfe für die Zukunft in der Hand. Die Familie Peugeot aber will ihn nicht mehr. Sie mag den kantigen Manager nicht mehr ertragen, der sich dauernd unbeliebt macht. Sein Vertrag wird nicht verlängert. Jacques Calvet verschwindet aus der Öffentlichkeit, gerät beinahe in Vergessenheit.

„Ein Visionär“

Peugeot aber geht es wie Chrysler. Nach dem Abgang von Calvet in Frankreich und von Iacocca in den USA geht es wieder bergab. Fiat nimmt Chrysler in die Hand, der Staat und ein chinesischer Investor steigen in das Kapital von Peugeot ein, um die Firma zu retten. Kommt die Fusion zustande, wird Taveres beide Unternehmen führen und harter Sanierer sein müssen. Nicht umsonst hatte Taveres warme Worte der Würdigung für Calvet: „Er war ein großer Visionär, der die Gruppe in einen großen Automobilhersteller verwandelt hat.“