LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Was sich im internationalen Transport tut, berichten Logistiker aus Europa

Fracht ist ein großes Thema der Coronavirus-Krise. Deshalb tauschten sich Experten der „Union Europäischer Industrie- und Handelskammern für Verkehrsfragen“ (UECC) auf einer Visiokonferenz aus, an der das „Journal“ teilnahm. Ihre Berichte aus der Praxis werfen ein Licht auf jene Probleme, die erst noch kommen.

Seit 37 Jahren beispielsweise beschäftigt sich Hans-Michael Dietmar mit Seefracht. Der Vizepräsident der Schenker AG Deutschland beliefert aus Duisburg über 700.00 Kunden in 130 Ländern. In normalen Zeiten waren das täglich 5.500 Container. „Um auf die steigende Globalisierung zu reagieren, haben alle Reedereien sehr in Schiffe investiert“, erzählt er. „Beinahe die Hälfte dieser Kapazitäten liegt jetzt im Hafen. Das ist extrem schädlich.“

Dennoch können die Reedereien ihre Raten einigermaßen stabil halten, denn die Schiffe sind zu 95 bis 97 Prozent ausgelastet, sagt Dietmar. „Es entwickelt sich eine Jagd auf freie Ladefläche.“ Doch das wird Verluste nicht verhindern, ist der Experte überzeugt. Er geht davon aus, dass sie mit rund 20 Milliarden Dollar für die Branche etwa so hoch liegen werden wie während der Finanzkrise 2008/2009. Schenker selbst verzeichnet in dieser Woche 37 Prozent weniger Kapazität als noch vor einem Jahr. „Das entspricht 270.000 Containern“, rechnet er vor. Um Kapazität in den Markt zu bringen und Zeit zu gewinnen, nehmen die Containerschiffe derzeit die Route über das Kap der Guten Hoffnung und nicht über den Suezkanal, berichtet er.

Derzeit arbeitet Schenker das Volumen in China ab; Ware, die dort gefertigt wurde, vor allem von der Textil- und Autoindustrie. „Wenn das hier ankommt, trifft die Ware auf volle Lagerhäuser“, gibt er zu bedenken. Dietmar hofft auf eine Normalisierung im Mai. Doch für ihn ist nicht klar, ob und wie sich eine weitere Infektionswelle in China auswirkt. „Es ist eine fragile Situation. Noch ist es nicht vorbei“, meint er.

Im Hafen von Rotterdam trifft die Wirkung der Krise mit Verzögerung ein, erzählt Sanne Maris, Advisor External Affairs Deutschland für den Hafen von Rotterdam. „Die Schiffe brauchen rund fünf Wochen. Daher erwarten wir die großen Auswirkungen erst für den April. Aufs Jahr gesehen rechnen wir mit zehn bis 20 Prozent weniger Fracht.“ Der Rückgang im Seeverkehr läge in Europa bei 50 bis 60 Prozent. Schwierig sei die Lagerung bestimmter Güter wie Öl oder die von der Stahlindustrie derzeit kaum nachgefragte Kohle. Auch für Halbfabrikate sei derzeit Lagerfläche sehr gefragt.

Charterflüge am Findel verdreifacht

Einen Einblick in den Lkw-Transport gab Daniel Kohl, Senior Executive Advisor bei der Spedition Arthur Welter in Leudelingen. Das Logistikunternehmen kämpft mit Zeitregelungen, denn wenn ein Fahrer an der Grenze aufgehalten wird, hat das wiederum einen Einfluss auf die Besteuerung. Die Disposition sei wegen der unterschiedlichen Wartezeiten an den Grenzen schwierig. „Hier ist die EU gefragt“, unterstreicht Kohl. Ihre Ware erhielten die Lkw oft vom Findel. „Dort gibt es ein Plus von 55 Prozent. Charterflüge haben sich verdreifacht. Sie kommen vor allem aus China. Neben Masken sind auch Waren von Amazon üblich“, berichtet er.

Ähnlich wie Arthur Welter kämpfen auch Spediteure in Österreich mit unterschiedlichen Landesregelungen. Davor Sertic hat 2004 die Unitcargo Spedition in Österreich gegründet, die rund 600 Lkw pro Woche bewegt und 50 Millionen Euro im Jahr umsetzt. Zu Beginn der Krise wurden seine Fahrer teils in Quarantäne gesperrt, „Das war in Rumänien der Fall, weil der Fahrer aus Italien kam“, erzählt er. „Einige Fahrer weigerten sich daraufhin, in bestimmte Länder zu fahren.“ Jetzt wünscht er sich vor allem einen freien Korridor für den Lkw-Verkehr und hofft auf die Initiative der EU. Ein Gutes hat die Krise für ihn immerhin: Jetzt kommen wir leichter an Lkw-Fahrer.“