CLAUDE KARGER

Na, hoffentlich geht der Wunsch des frischgebackenen „Chamber“-Präsidenten in Erfüllung, den er gestern bei seinem Jungfern-„Neijoerschpatt“ äußerte, nämlich dass sich bei den Europawahlen Ende Mai „stabile Allianzen“ aus proeuropäischen Kräften herauskristallisieren werden, welche die Probleme der Union zu lösen vermögen. Denn die Kräfte haben leider Rückenwind, für die die Europäische Union eben kein „geniale Projet“ ist, sondern bestenfalls Sündenbock für allerlei Defizite zuhause und in der Welt.

Selbst Führungen gewichtiger Mitglieder der EU sind mittlerweile tagein, tagaus damit beschäftigt die Grundwerte der auf Solidarität und Rechtsstaatlichkeit basierenden Union in Frage zu stellen.

Und sie machen bei dringenden Problemlösungen wie etwa im leidigen Migrationsdossier, mal einfach nicht mit. Ein System für eine gerechte Verteilung der Migranten, deren Zahl vergleichsweise hoch bleibt, würde sie natürlich auch gar nicht arrangieren, denn dann wäre das Haupt-Schreckgespenst im Mittelpunkt ihrer Politik der Angst mit einem Schlag entzaubert.

Kläffende Nationalisten scheinen das europäische Tagesgeschäft zu beherrschen. Bei jeder Weisung aus „Brüssel“ wird noch hysterischer gebellt. Dafür dürfen sich die Krakeeler aber ungeniert in die Innenpolitik anderer Staaten einmischen. Gestern beispielsweise stellte sich der stellvertretende italienische Regierungschef Di Maio hinter die „Gelbwesten“ in Frankreich, während sein Kabinettskollege Salvini meinte, Emmanuel Macron regiere „gegen sein Volk“. Ein Affront, der gleichsam einen Sukkurs für ihre Freundin im Geiste Marine Le Pen darstellt, die längst dabei ist, die „Gelbwesten“-Bewegung zu instrumentalisieren. Konkrete Lösungen für die gelbe Krise, die dabei ist, sich durch ihre Gewaltexzesse gegen Polizisten, Journalisten und Symbole der Republik selber zu diskreditieren, schlägt die Rechtsextremistin natürlich kaum vor: Neuwahlen lautet der Leitspruch - wie könnte es auch anders sein.

Schon ein Witz, dass sich die Zerstörer der EU, die „We first“-Nationalisten, sich derart unterstützen - über die Grenzen hinaus, die sie doch schnellstens verriegeln möchten...

Einem gewaltigen Riegel blickt derweil Großbritannien entgegen, wo die Euroskeptiker mittels einer horrenden Lügenkampagne, die der konservative Premier Cameron in seinem Machtpoker damals noch nicht mal halbherzig bekämpfte, per Referendum, den EU-Austritt ihres Landes auslösten. Bis heute, weiß niemand, was am 29. März passieren wird, wenn im Prinzip alle Verträge mit der EU gekappt werden, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

Dann wird es gigantische Auswirkungen auf den Alltag und die Wirtschaft der Insel geben. Ein Deal für eine „sanfte“ Scheidung liegt seit Mitte November auf dem Tisch, ob er beim Votum im Parlament kommende Woche eine Mehrheit erlangt, ist alles andere als gewiss. Stattdessen wettet die Opposition auf Neuwahlen. Die Poker-Partie geht munter weiter. Sündenbock wird neben Premierministerin May, am Ende einmal mehr die EU sein. Selten sah diese einem Jahr so voller Ungewissheiten entgegen. Aber kein Grund, die Arme hängen zu lassen, nicht wahr?