CORDELIA CHATON

Der französische Wahlkampf ist einer, in dem es um ein ganz großes Thema geht, das in Frankreich kaum diskutiert wird: Europa. Denn beide Kandidaten sind ganz klar: Emmanuel Macron von „En marche!“ ist dafür, Marine Le Pen vom „Front National“ ist dagegen und will ein „Frexit“, also den Austritt Frankreichs aus der EU.

Frankreich gehört zu den Gewinnern des Zweiten Weltkriegs. Ein „Nie wieder“ als Politik an der Schule gab es nicht. Es gehört auch mit Deutschland zu den Gründungsstaaten Europas. Aber im Land selbst wird ein Bewusstsein für die Bedeutung Europas von keiner Partei sonderlich hervorgestrichen. Da es ein von Landwirtschaft geprägtes Land mit vielen kleinen Orten ist, wird Brüssel in der Regel als Störenfried verstanden. Wie viel Frankreich Europa verdankt, wie sehr es selbst Europa braucht - davon spricht kaum jemand. Im Gegenteil, eine anti-europäische Haltung gab es bei vielen anderen Kandidaten auch.

Diskutiert werden ganz andere Fragen. Gerade haben sich 34 Medien gegen Le Pen gestellt. Sie kritisieren völlig zu Recht die Rosinenpickerei der Partei, die Gespräche mit Journalisten von AFP, „Le Monde“ oder auch „Radio France“ ablehnt. Unwillige Reporter werden schon mal mit Gewalt aus dem Saal geworfen. Das passiert nicht nur bei der Kandidatin selbst, sondern auch in vielen kleinen Orten, in denen der FN den Bürgermeister stellt. Zwar ruft Fußball-Ikone Zinedine Zidane zur Wahl gegen Marine Le Pen auf. Aber viele Politiker, die in der ersten Runde rausgeworfen wurden, eben nicht. Die lecken lieber ihre Wunden und zeigen Verständnis, wenn Jugendliche „weder - noch-Demos“ veranstalten. Le Pen inszeniert sich als patriotische Landesmutter. Sie will vergessen lassen, dass sie jahrelang die Sprecherin ihres antisemitischen, antiislamischen, ausgesprochen rassistischen Vaters war, der wiederholt wegen seiner unhaltbaren Äußerungen zum Holocaust verurteilt wurde. Und es klappt.

Sie ist blond, eine Frau, also in den Augen vieler Wähler latent ungefährlich. Und sie kann reden, in einer einfachen Sprache, die jeder versteht. Bei ihr geht es immer gegen etwas: Gegen die Globalisierung, gegen die Kapitalisten, gegen Europa. Dabei lebt sie von Europa, kassierte im EU-Parlament so fett ab, dass das Europäische Betrugsamt Olaf „schwere Unregelmäßigkeiten“ feststellte. Die Jobaffäre des rechtsextremen „Front National“ könnte dem Europaparlament einen Schaden von bis zu fünf Millionen Euro zugefügt haben - auf Kosten der Steuerzahler. Das Strafverfahren läuft. Le Pen ist die Weichzeichnung ihres Vaters, der die Partei gründete, sich das Geld, das ihm der Zementfabrikant Lambert gegeben hatte, selbst unter den Nagel riss und eine Polit-Dynastie begann. Sie hat so gar nichts mit Monsieur Dupont gemein, von dem sie immer spricht und ist härter als ihr Amtsvorgänger, den sie rauswarf. Aber sie hat ein Feindbild gezeichnet, das wirkt.

Denn in Frankreich gibt es noch die Idee des Unternehmers, der ein böser Patron ist. Alle Chefs sind schlecht und die an der Spitze schlechter. Macron mit Patron zu assoziieren, das hat ihm geschadet. Es wird Zeit, dass Frankreich aufwacht und Europa verteidigt. Vor lauter Le Pen sehen die Franzosen den „Frexit“ nicht. Und das wird ihrer so heiß ersehnten Grandeur mehr schaden als es momentan im Wahlkampf durchklingen will.