TOKIO
LARS NICOLAYSEN (DPA)

Älteste Erbmonarchie vor neuer Epoche

Japan erlebt eine Epochenwende. Kaiser Akihito hat sich am Dienstag ein letztes Mal an seine Nation gewandt. Er danke seinem Volk aufrichtig für die Unterstützung in seiner Rolle als Symbol des Staates, sagte der 85-jährige Monarch bei der staatlichen Abdankungszeremonie in seinem Palast. Akihito ist seit rund 200 Jahren der erste Kaiser der ältesten Erbmonarchie der Welt, der zu Lebzeiten den Thron für seinen Nachfolger freimacht. Er und seine Gemahlin, Kaiserin Michiko, wünschten sich, dass die am Mittwoch beginnende neue Ära „Reiwa“ (schöne Harmonie) unter ihrem ältesten Sohn Naruhito «stabil und fruchtbar» werde, sagte Akihito in seiner letzten Botschaft. Formal dankt er um Mitternacht (17.00 MESZ) ab.

Akihitos Ära namens „Heisei“ (Frieden schaffen) war für Japan eine Zeit des Friedens, aber auch verheerender Katastrophen - wie das Erdbeben in Kobe 1995 und die Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall 2011 in Fukushima. Wirtschaftlich ging es zudem mit Japan in dieser Zeit bergab. Voller Erwartung blicken die Japaner denn auch auf die Ära des neuen Kaisers Naruhito. Als erster ausländischer Staatsgast wird US-Präsident Donald Trump Ende Mai den neuen Kaiser treffen. Laut der Verfassung hat der Kaiser keinerlei politische Macht, sondern ist ein Symbol der Einheit der Nation.

Nicht mehr im Eindruck des Zweiten Weltkrieges

Naruhito will sich seinen Vater, der mit vielen alten Traditionen am Hofe brach und dem Volk so nah war wie kein anderer Kaiser vor ihm, zum Vorbild nehmen. Zugleich dürfte er für frischen Wind sorgen. Seine Regentschaft dürfte nach Meinung von Palastbeobachtern anders als die seines Vaters nicht mehr so stark unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges stehen, von dem Akihito geprägt war. Während seiner 30-jährigen Ära war Akihito ein überzeugter Verfechter der pazifischen Nachkriegsverfassung und galt als Gewissen der Nation.

Palastbeobachter gehen davon aus, dass sich sein Sohn Naruhito als erster Kaiser, der im Ausland studierte, vielmehr verstärkt auf globale Fragen konzentrieren wird. Seine Frau Masako ist eine in Harvard ausgebildete Diplomatin. Seit 15 Jahren erholt sie sich offiziell von einer «Anpassungsstörung», die vom Stress ihres Amtes herrühre. Beobachter sehen dahinter vor allem den lange auf ihr lastenden Druck, einen männlichen Thronfolger zu gebären. Masako brachte Tochter Aiko zur Welt, doch Frauen ist der Thron verwehrt.

Das Volk hat für Masako jedoch längst nicht mehr nur Mitleid: Kritiker vermissen bei ihr einen „Geist der Selbstlosigkeit“, den ihre Schwiegermutter, Kaiserin Michiko, für das Volk aufbrachte. Mit ihrem Mann Akihito hatte sich Michiko unermüdlich für die Opfer von Katastrophen eingesetzt, Trost gespendet und Mut gemacht.

Als damaliger Kronprinz hatte Akihito im April 1959 mit der fast 2000 Jahre alten Hoftradition gebrochen, indem er mit der Unternehmertochter Michiko Shoda eine Bürgerliche heiratete. Ihre Kinder kamen im Krankenhaus und nicht im Palast zur Welt. Michiko schaffte die Amme ab und stillte ihre Kinder selbst, bis dahin unvorstellbar. Zudem bekam sie eine Küche, was ebenfalls neu war.

Der Göttlichkeit entsagt

Während Akihito wie üblich ab drittem Lebensjahr von einer fremden Familie aufgezogen wurde, erzogen er und Michiko ihre Kinder selbst. „Ab dem jetzigen Kaiser kann man erstmals von einer kaiserlichen Familie sprechen“, sagt der Tenno-Experte Ernst Lokowandt in Tokio. Akihito war der erste Tenno, der sein Amt nicht mehr als Gott antrat. Sein 1989 gestorbener Vater Kaiser Hirohito, posthum Showa-Tenno genannt, hatte am 1. Januar 1946 in seiner sogenannten Menschlichkeitserklärung der Göttlichkeit des Kaisers entsagt. In seinem Namen war Japan in den Zweiten Weltkrieg gezogen. Sein Sohn Akihito war es, der die Institution des Kaisertums neu definierte.

Gesundheitlich angeschlagen hatte Akihito 2016 in einer seltenen Botschaft ans Volk deutlich zu erkennen gegeben, angesichts seiner nachlassenden Kräfte zurücktreten zu wollen. Das Parlament erlaubte ihm dies per Sondergesetz. Für Naruhito gilt wieder die alte Regel. Vor seiner letzten Rede als Monarch hatte Kaiser Akihito am Dienstag den Göttern des asiatischen Inselreiches seine Abdankung angekündigt.

Zu den tief religiösen Riten in den drei Schreinen seines Palastes in Tokio erschien der Monarch in der modernen Version einer jahrhundertealten höfischen Tracht aus goldbrauner Robe und hoch aufragender schwarzer Kopfbedeckung. In den Heiligtümern der japanischen Ur-Religion Shinto wird unter anderem die Sonnengöttin Amaterasu Omikami verehrt. Den Mythen nach sind die japanischen Kaiser unmittelbare Nachfahren von Amaterasu Omikami. Japans Nachkriegsverfassung schreibt - nach amerikanischem Vorbild - eine strikte Trennung von Staat und Religion vor. Kritiker beklagen, dass die meisten Zeremonien zum Kaiserwechsel trotz ihres religiösen Inhalts von der Regierung als staatlich eingestuft werden.

Bei einer ersten von drei Zeremonien zur Inthronisierung von Naruhito werden dem neuen Kaiser von Beamten des Haushofamtes zwei der Throninsignien überreicht: ein Schwert sowie Krummjuwelen, die das Kaiserhaus von der Sonnengöttin Amaterasu erhalten hat. Die einfache Zeremonie beginnt um 10.30 Ortszeit (0300 MESZ) und dauert lediglich zehn Minuten. Ein weiterer Beamter legt dabei auch das Amtssiegel und das persönliche Siegel vor dem Kaiser nieder.

Parallel zu der Überreichung der beiden Insignien an Naruhito wird ein sogenannter Hauptritualist im Namen des neuen Kaisers dem Spiegel - der dritten Throninsignie als Vertretung der Gottheit - mitteilen, dass der Kaiser die Insignien entgegennimmt. Niemand, selbst der Kaiser nicht, darf dabei einen Blick auf die Throninsignien werfen, die sich in Schutzhüllen befinden. Ihr Inhalt ist dazu zu heilig.

Eine zweite Thronbesteigungszeremonie findet am 22. Oktober statt, zu der auch viele Würdenträger aus dem In- und Ausland geladen werden. Eine dritte Zeremonie, das Daijosai, folgt am 14. und 15. November. Danach ist Naruhito endgültig in die Reihe der Kaiser aufgenommen.