LUXEMBURG
CLAUDE MULLER

Christian McBride’s New Jawn in der Philharmonie

Auch eine neue Jazzformation muss nicht unbedingt experimentell, avantgardistisch oder hip klingen, um die Botschaft dieser nunmehr hundertjährigen Musik in aktuellem Gewand zu vermitteln. Dass diese Musik nicht tot ist und ein größeres Publikum sich noch immer an Altbewährtem ergötzen kann, bewies am Samstag Christian McBride mit seinem Quartett „New Jawn“ im großen Auditorium der hauptstädtischen Philharmonie.

Swing, Bebop, Cool Jazz und Ausflüge in die Welt des freien Jazz, all diese Elemente brachte die restlos überzeugende Combo auf einen gemeinsamen Nenner, was eine authentische und vitale Ausgabe eines neuen Konzepts der erprobten traditionellen Stile mit neuem Grove ergab. Besser hätte man die neue Saison betreffend die Sparte Jazz nicht einläuten können, sind doch für weitere Jazzsoirees illustre Personnagen wie Pat Metheny, Wynton Marsalis oder Joachim Kühn angesagt.

Auch wenn im Programmheft auf die Nähe zum klavierlosen Quartett von Ornette Coleman aus dem Jahre 1959 angespielt wird, ist die Formation doch eher in die Reihe der Nachfolger des neuen Jazz und Post Bebop eines ebenso ohne Tasteninstrument auskommenden „Max Roach Quartet“ anzusiedeln. Bassist Christian McBride gelang es jedenfalls mit ausgeklügelten Arrangements die Welt des Vertrauten, kombiniert mit Erkenntnissen der aktuellen Szene, neu zu erfinden.

In eine andere Zeit versetzt

Ungewöhnlich ist es schon, wenn ein Konzert gleich mit einem Schlagzeugsolo beginnt, doch dann ging es mit einem fulminanten rasanten Hardbopthema richtig zur Sache. Man glaubte sich in die besten Jahre der großen Zeit der revolutionären Umgestaltung der New Jazz-Ära der ersten Jahre versetzt. Stechend scharfe Melodielinien, die sich mit den komplexen, virtuosen Improvisationen der vier Solisten abwechselten, erinnerten willkürlich an die intelligent ausgeklügelten Themenkonstruktionen eines Horace Silvers oder den unorthodoxen Aufbau der Charles-Mingussuiten.

Es gab eine Zeit, in der alle Trompeter wie Armstrong klangen, später mussten die Phrasierungen an Dizzy Gillespie erinnern, auch der coole Sound eines Chet Bakers war zeitweise in Mode, ehe jeder wie der späte Miles Davis rüberkommen wollte. All diese Elemente konnte der vorzügliche junge Trompeter Josh Evans in seinen Improvisationen vereinen, wobei er bei jeder Interpretation die einzelnen Spezialitäten und Charakteristiken seines Instruments überzeugend vorführte.

Tenorsaxofonist Marcus Strickland konnte indes mit seinen jam sessionartigen, klischeefreien Soli, abseits von den sonst üblichen Studiotüfteleien, das besondere Ambiente heraufbeschwören, wie es sonst nur in dem intimen Rahmen typischer Jazzclubs zu finden ist.

Bei einer wunderbaren Ballade zeigten sich Strickland, diesmal auf der Bassklarinette, zusammen mit dem Leader, teilweise auf dem gestrichenen Kontrabass, als wahre Könner des unbegleiteten Duos.

Mit Feingefühl und Dynamik

Christian McBride, der unüberhörbar von der alten Bassschule à la Ray Brown und Charlie Mingus herkommt, steht aber auch der modernen Aussagekraft seines Instruments im Sinne Charlie Hadens in nichts nach. Dies wurde besonders in den atemberaubenden Unisonopassagen mit Trompete oder Saxofon und seinen kurzen signifikanten Soli verdeutlicht. Für permanente Überaschungsmomente sorgte der feinfühlige Schlagzeuger Nasheet Waits sowohl in der dezenten, aber abwechslungsreichen Rolle als Mann im Hintergrund, wie in einer ausgedehnten Demonstration seiner technischen und dynamischen Errungenschaften, die wie ein Naturgewitter musikalische Power und wirkliche kreative Energie vereinten.

Nichts Neues, nichts Innovatives, hier war alles klar, einfach und selbstverständlich und eben darin liegt die Kunst dem Publikum, ob Insider und Neueinsteiger, die Musik des letzten und aktuellen Jahrhunderts in aktualisierter Aufmachung schmackhaft zu machen. Nach dem 90-minütigen Programm, das aus Eigenkompositionen der Bandmitglieder bestand, ließen sich die vier bestechend überzeugenden Solisten nach anhaltenden Applausstürmen zu zwei Zugaben überreden, einem stimmungsvollen „Calypso“ von Ornette Coleman, den dieser mit Pat Metheny für die Produktion „Song X“ einspielte und als Abschluss, einem obligaten Blues nach einem Themafragment von Thelonius Monk. Metheny wird übrigens das nächste Konzert der Reihe „Jazz & beyond“ am 24. Oktober bestreiten.