LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Cecile McLorin Salvant im Kammermusiksaal der Philharmonie

Ein noch unbeschriebenes Blatt war die amerikanische Newcomerin, als sie vor etlichen Jahren bei den Wiltzer Festspielen auftrat, aber lange sollte es nicht mehr dauern, bis ihre Präsenz auf den großen Sommerfestivals zusammen mit wichtigen Namen der aktuellen Jazzszene angekündigt wurde. Heute kann es sich die inzwischen dreifache Grammy-Preisträgerin erlauben, ohne Band, nur von einem Pianisten begleitet, aufzutreten und damit Konzertsäle auf der ganzen Welt zu füllen. Dass sie dabei teilweise auf das „Great American Songbook“ zurückgreift, zeugt von ihrer ausgeprägten Selbstsicherheit, kennt man doch diese Evergreens von legendären Auftritten und Aufnahmen der weltberühmten Ladies, Queens und Diven der Jazzgeschichte. Und eben an diesen Starsängerinnen der Jazzannalen wie Ella Fitzgerald, Billie Holiday und Sarah Vaughn orientiert sich die amerikanisch-französische Musikerin, ohne sie jedoch auch nur im entferntesten Sinn zu kopieren.

Leider ist die neue aktuelle Stilistik, als hätte es keine Entwicklung seither gegeben, nicht sonderlich in ihrer Ausdrucksweise integriert und lässt die revolutionären Vokalistinnen der Neuzeit wie Flora Purim, Urszula Dudziak, Maria Joao oder Laureen Newton außer Acht. Auch Pianist Sullivan Fortner, der die Veteranen des Piano Jazz von Ragtime bis Modern Jazz hörbar bestens studiert hat, überzeugte mit originellen Phrasen und hatte die adäquate Begleitfunktion perfekt im Griff.

Topevent in Sachen erstklassiger Unterhaltungsmusik

Mit diesen bestens erfüllten Voraussetzungen, die bereits beim Eröffnungsstück des Jazzrezitals jedermann klar waren, konnte die Soiree sich eigentlich nur zu einem
Topevent in Sachen erstklassiger Unterhaltungsmusik entwickeln. Unterstützt von dem intimen Ambiente des Kammermusiksaals, der für diese Art von Spektakel vorzügliche akustische Verhältnisse aufweist, konnte das bestens aufeinander eingespielte Duo mit einer wunderbaren Retrospektive der U-Musik der letzten 100 Jahre begeistern.

Nach zwei, auf einen vielversprechenden Abend einstimmenden Songs folgte schon der erste momentane Hit der erfolgreichen Vokalisten, der bluesangehauchte Song „J’ai l’cafard“ von ihrer letzten Produktion „Window“, für die sie in diesem Jahr mit einem Grammy Award als „Best Jazz Vocal Album“ ausgezeichnet wurde, ehe sie mit dem Evergreen „Autumn In New York“ von Vernon Duke die erste Jazznummer, eine bevorzugte Vorlage im Cool Jazz, mit ihrem ganz persönlichen Touch intonierte. Ihre erste Grammyauszeichnung erhielt die heute Dreißigjährige schon vor zehn Jahren.

Mit der wunderbaren Ballade „Stormy Weather“ von 1933, die kaum im Repertoire einer Jazzsängerin fehlen dürfte, betörte Cecil McLorin Salvant auch die letzten, anfangs vorsichtig applaudierenden Skeptiker mit einer intensiven Demonstration ihrer stimmlichen Akrobatien voller Sentimentalitäten.

Kindlich verspielt gab sie sich mit der humorvollen Chanson „Dis moi que je suis belle“, ehe mit der anspruchsvollen „Seeräuber Jenny“ aus der berühmten Dreigroschenoper des Tandems Kurt Weill/Bert Brecht eine willkommene Überraschung programmiert war und das Eis definitiv brach. Im Rahmen des eigenwilligen, unkonventionellen Arrangements zog die junge Diva sämtliche Register vokaler Magie, die ihre Ausnahmestimme mal wehmütig, mal schwermütig, makaber, ironisch in allen erdenklichen Timbres erstrahlen ließ.

Abwechslungsreiche klangliche Eskapaden

Auch der letzte Teil des aufregend spannenden Liederabends bewegte sich im Bereich von Musical und Music Hall voller Romantik. Aus „Annie Get Your Gun“ sang sie mit vollem Engagement den Song „A Man Without A Gun“, erläuterte in Small Talks, zusammen mit ihrem Pianisten, den Hintergrund einiger Nummern und sorgte immer wieder durch den Einsatz klanglicher Eskapaden für bunte Abwechslung, die manchmal ihre Ausbildung als Opernsängerin mit Akzent auf Barockmusik verrieten.

Mit ihrem Pianisten, dem aus New Orleans stammenden, Sullivan Fortner, der einen ungewohnten, völlig aus der Reihe tanzenden Stil als Begleitmusiker entwickelt hat, hat McLorin Salvant ohne Zweifel das große Los gezogen. Aufgebaut auf seine klassische Ausbildung, die stets im Vordergrund steht, kombiniert er sparsame Fragmente aus den klassischen Stilbereichen des Jazz zu fantasievollen Tongebilden, integriert die Strukturen der modernen Harmonielehre in seine sparsamen Phrasen und besticht immer wieder durch seine rasanten, technisch imponierenden, Phrasen.

Dass Altmeister wie Saxofonist Archie Shepp oder Startrompeter Wynton Marsalis von Cecile McLorin Salvant angetan sind, kann man nach dieser wunderbaren Soiree am Mittwochabend in der Philharmonie durchaus nachvollziehen.