DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

„opderschmelz“ bot Ethno-Jazz, Hip Hop und Tradition mit Christian Scott

Besonders bei Trompetern kann man in den vergangenen Jahren neue auffällige Trends beobachten. Es gab Zeiten, da klangen die meisten Trompeter nach Armstrong, später orientierten sich viele nach Gillespie und noch heute gibt es unzählige, die mit einer leicht zu durchschaubaren Miles-Davis-Masche überzeugen wollen.

Neben dem eigenwilligen Ambrose Akinmusire und dem aus dem Libanon stammenden Ibrahim Maalouf mit ausgeklügeltem Ethno-Jazz, haben in Europa vor allem der Schweizer Eric Truffaz oder Nils Petter Molvaer aus Norwegen mit ihren futuristischen, elektronisch eingefärbten Klängen auf sich aufmerksam gemacht.

Der 33-jährige Christian Scott, der wie seine berühmten Vorbilder Armstrong und Marsalis aus New Orleans stammt, hat ein grenzensprengendes Konzept entwickelt, das Elemente der modernen U-Musik nahtlos ineinander fließen lässt. So wie Lester Bowie mit dem „Art Ensemble Of Chicago“ einst die Bezeichnung „Jazz“ nicht mehr gebrauchen wollte und seine Stilrichtung „Great Black Music“ nannte, - schon Miles Davis nannte „Jazz“ ein Wort des weißen Mannes - , betitelt Scott seine Kreationen als „Stretch Music“.

Durchdachte Struktur

Auf jeden Fall war die Musik der sechsköpfigen Band völlig stressfrei und entwickelte sich im Lauf des Konzerts am vergangenen Freitag im Düdelinger Kulturzentrum „opderschmelz“, zu einem der spannendsten Events dieses Jahres. Gespickt mit elektronischen Klangkulissen im Background und geschmackvoll eingesetzten Soundmanipulation des Leaders bot die Band ein neues Erleben einer intelligent durchdachten Klang-Architektur, mit besonderem Wert auf die Verarbeitung und Synchronisation von aktuellen Trends wie Ethno-Jazz, Hip Hop oder Funk mit traditionellen Elementen aus Blues und afrikanischer Folklore, die in ungewohnter, origineller Art in völlig neuem Gewand aufgetischt wurde.

Christian Scott präsentierte sich als flexibler Einzelkämpfer, der zwar im Kollektiv die Rolle des humanen Vermittlers von gleichwertigen Linien der Jazztradition spielte, als Solist aber großen Wert auf eine spontane, turbulente Art einer neuen Trompetenkultur legte.

Saxofonist Logan Richardson passte mit einer eigenständigen Phrasierung dynamisch und klanglich perfekt in das Gesamtbild des Ensembles und Pianist Lawrence Fields, der sowohl am Flügel wie am Fender Rhodes glänzte, trug wesentlich zum reizvollen Ambiente des Fundaments der homogenen „rhythm section“ bei.

Für eine wertvolle stilistische und sonore Bereicherung der Band sorgte die 22-jährige Elena Pinderhughes an der Querflöte. Mit einem enormen Einfühlungsvermögen, komplett inspiriert vom musikalischen Zeitgeschehen verschiedener Ausdrucksmöglichkeiten, ließ sie in einem Improvisationsfeuer eine mitreißende, aber subtile Passion für kontrapunktische Linien verspüren.

„Drumbattle“ mit sich selbst

Wichtiger Mann im Hintergrund war der exzellente Kontrabassist Max Mucha, der an diesem Abend seinen ersten Gig mit dieser Band bestritt und sich durch seine überzeugenden sicheren Basiskonstruktionen sowohl melodisch wie rhythmisch perfekt in das flamboyante, abenteuerliche Geschehen hinter den Solisten integrierte. Bedauerlicherweise war ihm, vielleicht wegen seiner Premiere, kein einziges Solo in dem abwechslungsreichen Programm gegönnt. Einen besonderen Leckerbissen bot der unermüdliche Schlagzeuger Corey Fonville, der pausenlos daraufloshämmerte, als sei das ganze Konzert ein einziges Schlagzeugsolo, allerdings im positiven Sinne.

Nie aufdringlich, immer abwechslungsreich inspiriert, dosiert der Drummer seine spannungsreichen Breaks so intensiv, dass man zeitweise den Eindruck hatte, er inszeniere eine „Drumbattle“ mit sich selbst. „Man spielt wie man ist“, hatte das Bandmitglied der ersten Stunde kürzlich in einem Interview über seine Spielweise gesagt.

Erfreulicherweise hat Leader Scott sich mit seinem neuen Konzept sehr weit von der modischen Welle des soften Wellness- und Loungejazz entfernt, die viele junge Musiker immer wieder als Fusion - mit dem bitteren Beigeschmack von Pseudoworldmusic - vermarkten.

„Bis jetzt haben wir keinen Jazz gespielt, sondern Stretch Music. Jetzt spielen wir Jazz“, so kündigte der charismatische Leader die einzige Zugabe, einen zünftigen „Blues“, an, mit dem sich das wegweisende Ensemble in sessionartigen Improvisationen nach dem rund einstündigen Konzert verabschiedete. Eine gelungene Generalprobe für den großen Auftritt beim „Blue Note Xperia Lounge Festival“ heute abend in Paris.