COLETTE MART

Diesen empathischen Satz schrieb die Goncourt-Preisträgerin Anise Koltz in einem Gedicht, in dem sie einige Zeilen weiter „je suis palestinienne avec eux“ hinzufügt, und damit ein allgemein menschliches Engagement dokumentiert.

Anise Koltz wurde anlässlich der zivilen Feier zum Nationalfeiertag von der Luxemburger Regierung geehrt, sie hisste unsere Literatur auf das internationale Parkett, und zwar auf höchstem Niveau. Vor allem brachte sie jedoch die Dimension des ewig Menschlichen und der Dichtung in eine allgemein unbeschwerte Atmosphäre um den „Feierwon“, die „Uelzecht“ und Beethovens Europahymne. Sie unterbrach damit die Sprache unseres Alltags, so, als entführe sie uns für einige Minuten auf eine Wolke, jene des Nachdenkens darüber, wer wir sind und wer wir bleiben wollen.

Damit rührte sie an die stets aktuell bleibenden Debatten um unsere nationale Identität, und stellte diesen die Überlegung, wer der Mensch eigentlich sein sollte, entgegen.

Im Hinblick auf zwei rezente Ereignisse von nationaler Bedeutung, nämlich die Einweihung des Denkmals für die Opfer der Shoah und die Zelebrierung des Nationalfeiertags, drängt sich uns demgemäß die Frage der nationalen Identität und der Auseinandersetzung mit uns selbst und unserer Geschichte auf. Das Denkmal für die Opfer der Shoah kommt spät in unserer Geschichte daher, und erst die Veröffentlichung des Artuso-Berichtes im Jahr 2015 führte zu einer offiziellen Entschuldigung für die Kollaboration unseres Landes in der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Die Aufstellung von Listen durch die 1940 eingesetzte Verwaltungskommission war keineswegs der erste politische Akt der Diskriminierung der Juden. Antisemitismus in der Presse und in der Alltagskultur, Schikanen gegen Juden, die aus Deutschland nach Luxemburg flüchteten, Erstellung von Namenslisten jüdischer Bürger und Familien seit der Mitte der dreißiger Jahre sind nur einige Beispiele dafür, dass wir uns nicht mehr als ein Volk tapferer Widerständler sehen können.

Die Resistenzlerin Lily Unden, die im Konzentrationslager Ravensbrück war, half sowohl Juden als auch Refraktären und anderen Verfolgten, aber sie gehörte damit zu den wenigen, die sich aktiv für das Schicksal der Luxemburg Juden interessierten.

Wir haben also die Juden allein gelassen, und trotzdem führten wir noch im Jahre 2015 eine öffentliche Debatte darüber, ob wir uns denn jetzt dafür entschuldigen müssen oder nicht. Ja, wir mussten, und wir haben es ja auch getan.

Hier und jetzt, wo das Shoah-Denkmal an Antisemitismus, Diskriminierung, an Mitschuld und Kollaboration rühren sollten, wäre einer tiefgründigeren Überlegung, wer wir denn sind und wer wir denn in Zukunft sein wollen, einen größeren Platz einzuräumen, und hier sollte Anise Koltz wegweisend sein.

Wir sollten mehr auf die Dichter hören, die oft schon früh und intuitiv Diskriminierungen spüren, und uns die Abgründe der menschlichen Seele und den möglichen Verrat vor Augen führen.