MAIDUGURI
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Von Terror-Gruppe Boko Haram verursachtes humanitäres Leiden in Nigerias offenbar dramatischer als befürchtet

Die Babys bestehen fast nur noch aus Knochen. Weil sie selbst zum Weinen zu schwach sind, ist von den meisten nur ein Winseln zu hören. Dabei haben diese Babys noch Glück gehabt. Denn sie sind in einem Notversorgungszentrum von „Ärzte ohne Grenzen“ gelandet. Wie dramatisch die Lage in den Regionen im Nordosten Nigerias ist, die weiterhin von der Terrorgruppe Boko Haram kontrolliert werden, lässt sich nur erahnen. Experten rechnen mit dem Schlimmsten.

„Diese Kinder sind praktisch ihr ganzes bisheriges Leben lang hungrig gewesen. Mit einigen steht es so schlecht, dass sie hier innerhalb der ersten 24 Stunden sterben“, sagt Jean Stowell, die das Zentrum der Hilfsorganisation in der Stadt Maiduguri leitet. Die Einrichtung habe ihre Kapazitäten in den zurückliegenden Wochen vervierfacht. Trotzdem könne sie bei Weitem nicht den Bedarf decken, sagt die Hebamme aus den USA.

Fast eine Viertelmillion Kinder sei im Nordosten des afrikanischen Landes ernsthaft unterernährt, weil Boko Haram dort den Handel und die Landwirtschaft zum Erliegen gebracht habe, sagte Toby Lanzer, der für die Vereinten Nationen die humanitäre Hilfe in der Region koordiniert, in Brüssel. Etwa zwei Millionen Menschen könnten derzeit gar nicht erreicht werden. - „Wir können ihre Situation nicht beurteilen. Es lässt sich aber schätzen, dass sie furchtbar ist“, sagte Lanzer. Ohne Unterstützung von außen drohe „eine Hungersnot, wie wir sie noch nicht gesehen haben“.

Vor dem Terror der radikalen Islamisten sind etwa eine Millionen Menschen allein nach Maiduguri geflohen. Dort, in der größten Stadt der Region, leben sie in überfüllten Lagern ohne ausreichende Versorgung. Dabei handelt es sich allerdings vor allem um ein Verteilungsproblem: Die Märkte in der Stadt sind gut gefüllt, doch die Flüchtlinge können sich die Lebensmittel nicht leisten. Die Regierung geht inzwischen Vorwürfen nach, denen zufolge örtliche Vertreter der Behörden Teile von Hilfslieferungen gestohlen haben sollen.

Zu gefährlich für Hilfsorganisationen, die Stadt zu verlassen

Außerhalb der Stadt ist es für die internationalen Hilfsorganisationen zu gefährlich. Im Juli wurde ein von Soldaten begleiteter Konvoi des UN-Kinderhilfswerks Unicef von den Extremisten auf einer wichtigen Überlandstraße angegriffen. Eine Rakete traf die Windschutzscheibe eines gepanzerten Fahrzeugs. Drei Zivilisten wurden verletzt, darunter auch ein Unicef-Mitarbeiter. Daher mussten die Bemühungen auf Eis gelegt werden, auch die in den Boko-Haram-Gebieten festsitzenden Kinder zu erreichen - nach Schätzungen von Unicef etwa eine Million.

Selbst Mediziner werden von den Terroristen ins Visier genommen. Ebenfalls im Juli wurde ein Fahrzeug der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ auf der gleichen Fernstraße von einer Landmine erfasst. Bei diesem Vorfall wurde zum Glück aber niemand ernsthaft verletzt. Die internationalen Ärzte konnten schließlich trotzdem Bama erreichen, die zweitgrößte Stadt der Region. Wie sie feststellen mussten, sterben dort im Durchschnitt jeden Tag sechs Menschen an den Folgen von Mangelernährung und Durchfall.

Besonders bedrohlich ist die Lage für Kleinkinder und Babys. Selbst wenn sie aus Regionen wie der Stadt Bama herausgeholt werden können, ist die Gefahr für sie nicht vorüber. In dem Zentrum von „Ärzte ohne Grenzen“ in Maiduguri wird der 18 Monate alte Yakubu über einen Tropf ernährt, weil er vor Schwäche nicht mehr schlucken kann. Seine Mutter Hassana Mohammed versucht derweil, ein Baby zu stillen.

Ihr erster Ehemann sei von den Islamisten getötet worden, als ihre älteste Tochter, die heute sieben Jahre alte Aisha, gerade einen Monat alt gewesen sei, sagt Mohammed. „Seitdem sind wir ständig auf der Flucht, aber Boko Haram war niemals sehr weit weg.“ Während dieser Zeit der Flucht hat sie viele schlimme Dinge gesehen und erlebt. Viele Mütter seien bei der Entbindung in der freien Wildnis gestorben, andere vor Hunger, sagt sie. Einige liefen aus Verzweiflung davon und ließen ihre Kinder einfach zum Sterben zurück.

Das Schwierigste sei mittlerweile aber, genügend Nahrung zu finden, erzählt die fünffache Mutter weiter. Als Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ihr Flüchtlingslager in Maiduguri erreicht hätten, habe sie vier Hände voll Reis bekommen. „Das sollte für eine Woche reichen“, sagt sie. „Aber es war schon nach ein oder zwei Tagen verbraucht.“

Boko Haram überfällt Dorf in Nigeria

Ortsvorsteher und dessen Sohn geköpft

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat im Nordosten Nigerias ein Dorf überfallen und den Ortsvorsteher und dessen Sohn geköpft. Anschließend hätten sie das Haus der Familie in Brand gesteckt und das Feuer auf fliehende Dorfbewohner eröffnet, teilte eine Selbstverteidigungsgruppe am Montag mit. Dabei seien zwei Menschen getötet und weitere verletzt worden. Boko Haram terrorisiert seit sieben Jahren den Nordosten Nigerias und die angrenzenden Länder. Mehr als 20.000 Menschen wurden getötet. Rund 2,6 Millionen Menschen flüchteten in Nigeria, dem benachbarten Kamerun, Niger und Tschad vor den Attacken der radikalislamischen Extremisten. Zuletzt wurde die Gruppe durch einen internen Machtkampf geschwächt.