PASCAL STEINWACHS

Dass sich jeder selbst der Nächste ist, dürfte spätestens seit dem Untergang der „Titanic“, wo statt „Frauen und Kinder zuerst“ ja bekanntlich jeder sich selbst der Nächste war, zwar eine Binsenweisheit sein, aber wenn es ums nackte Überleben geht, dann gilt die Maxime des Jeder-ist-sich-selbst-der-Nächste plötzlich auch für Staaten, die in normalen Zeiten nicht oft genug betonen können, wie gut ihr Verhältnis zu anderen Ländern doch sei, wie auch für Gebilde wie die Europäische Union.

Dass die Corona-Pandemie nun auch Europa ausgerechnet zum 25. Jahrestag des Schengener Abkommens heimsucht, ist natürlich Zufall, macht aber deutlich, wie egoistisch eine überwältigende Mehrheit der Länder in Wirklichkeit ist, wenn es ums Eingemachte geht, in diesem Fall um das Überleben der eigenen Bevölkerung und der nationalen Wirtschaft, die es vor dem totalen Absturz zu bewahren gilt.

Dass eine Mehrzahl der Länder inzwischen ihre Grenzen dichtgemacht hat, und der Transport von lebensnotwendigen medizinischen Gütern und Lebensmitteln somit gehörig erschwert wird, lässt tief blicken, da sich ein solch mörderisches Virus wie Covid-19 doch mit Sicherheit nicht von einer Grenzschließung stoppen lässt. Vielmehr suggerieren die strengen Grenzkontrollen beziehungsweise -schließungen den Bürgern ein falsches Sicherheitsgefühl und verleiten diese wohl so einige Leute zu der Annahme, dass das böse Virus von den bösen Nachbarn eingeschleust wird, ganz so, wie am Anfang der Corona-Krise jeder irgendwie asiatisch aussehende Mensch wie ein Aussätziger behandelt wurde.

Scharfe Kritik gab es gestern aber ebenfalls von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die sich in einer Sondersitzung des Europaparlaments über die einseitigen Exportverbote, Grenzkontrollen und Störungen des Binnenmarkts in Europa ärgerte. „Als Europa wirklich füreinander da sein musste, haben zu viele zunächst nur an sich selbst gedacht“, so von der Leyen, die jetzt von den EU-Staats- und Regierungschefs, die gestern Nachmittag zu einem Videogipfel zusammenkamen, erwartet, dass diese wieder dazu übergehen, sich gegenseitig zu helfen.

Wie Hilfe und Solidarität in der Praxis aussehen kann, das machte diese Woche unter anderem auch Luxemburg deutlich, indem es insgesamt sieben schwer erkrankte Corona-Patienten aus dem Elsass aufnahm, wo die Situation inzwischen derart dramatisch ist, dass Patienten über 80 Jahre nicht mehr beatmet werden, sondern stattdessen eine schnelle Sterbebegleitung erhalten.

Und dann gibt es noch Länder wie Tschechien und Polen, von denen es heißt, sie hätten für Italien, das am schlimmsten von der Corona-Krise betroffene Land in Europa, bestimmte chinesische Beatmungsgeräte und Atemschutzmasken an ihren Grenzen beschlagnahmt und an eigene Spitäler verteilt. In Krisenzeiten zeigen die Menschen ihr wahres Gesicht...