LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Chantal Fandel, beigeordnete Direktorin des „Service de la Formation des Adultes“ des Bildungsministeriums über „Literacy“ und weshalb sie das Wort „Analphabetismus“ nicht mag

Das Wort Analphabetismus mögen wir nicht so“, sagt Chantal Fandel, die beigeordnete Direktorin des „Service de la Formation des  Adultes“ im Unterrichtsministerium auf unsere Frage nach dem geschätzten Prozentsatz von Analphabeten in der Bevölkerung. „Wir sprechen vielmehr  von ,personnes en situation d’illettrisme‘. Das ist kein Dauerzustand, sondern jeder kann sich im Prinzip daraus befreien“. Einen Prozentsatz hat sie doch: Laut der „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“-Studie der OECD, an der Luxemburg allerdings nicht teilgenommen hat, bewegen sich im Durchschnitt in den europäischen Ländern  rund 3 bis 5 Prozent der Bevölkerung auf dem untersten Kompetenzniveau im Verstehen und Nutzen von geschriebenen Texten und bei der Lösungskapazität für einfache Rechenaufgaben.

Zu den Aufgaben des SFA gehört die Gewährleistung einer Grundbildung für Erwachsene, die besser Französisch und/oder Deutsch lesen und schreiben lernen oder ihre Rechenkompetenzen verbessern möchten. Diese Grundkompetenzen bilden eine solide Basis für das weitere eigenständigere und intensivere Lernen.

Eine Menge verschiedener Situationen

Die „Kunden“ des SFA gliedern sich in diesem Sinne vor allem in zwei Kategorien. „Es sind zunächst Menschen, die nie die Chance hatten, zur Schule zu gehen oder überhaupt eine Schriftsprache zu lernen“, erklärt Chantal Fandel, „das sind oft Personen aus Entwicklungsländern, in denen die Armut die Bildung oftmals zu kurz kommen lässt. Darunter sind viele Frauen, die in verschiedenen Kulturen immer noch bei der Bildung benachteiligt werden“. Wo immer sie auch herkommen: mit ihnen setzt das SFA ein Alphabetisierungsprogramm auf Französisch um, der Sprache, die in der Arbeitswelt am meisten verlangt wird. Das sei dann auch ein sehr intensives Programm.

Eine weitere Kategorie von Personen, die an SFA-Kursen teilnehmen sind dann solche, die „möglicherweise gebildet sind, aber ein anderes Alphabet lernen müssen“, wie Chantal Fandel erklärt, „das ist dann der gleiche Prozess, aber deutlich schneller“. Die Expertin gibt zu bedenken, dass längst nicht jeder das lateinische Alphabet beherrscht oder es Personen richtig benutzen können, die über lange Zeit nur andere Schriftarten im Alltag benutzten.

Internet verändert vieles

Es sind Schwierigkeiten, die allerdings vor allem bei älteren Mitmenschen anzutreffen seien. Jüngere Generationen würden besser mit verschiedenen Alphabeten klarkommen. Als Grund sieht Chantal Fandel nicht nur vielleicht verbesserte Bildungssysteme, sondern auch den Siegeszug des Internets und der sozialen Medien. Wer hier dabei sein will, müsse sich zwangsläufig bemühen, andere Alphabete und Sprachen zu lernen.

Aber es gibt auch die, die es durch eine unsichtbare Behinderung nie schafften, Schreiben, Lesen oder Rechnen zu lernen. Menschen, mit einer sogenannten „Dys“-Störung, die vielleicht lange unentdeckt blieb oder sie mangels richtiger Unterstützung aus dem Bildungssystem heraus beförderte. Heute werden solche Störungen meist bereits frühzeitig diagnostiziert, und es werden unterstützende Maßnahmen eingeleitet. Doch nicht immer kam jeder Betroffene in der Vergangenheit in den Genuss einer angepassten Hilfsstellung. Rund 1.000 Personen jährlich sind in den unterschiedlichen Alphabetisierungskursen des SFA eingeschrieben. „Die Flüchtlingswellen der letzten Jahre haben diese Zahl natürlich nach oben gedrückt“, erklärt Chantal Fandel. Das Angebot sei auch geografisch stark ausgeweitet worden, auch mithilfe verschiedener nationaler und lokaler sozialer Vereinigungen.

Oft komme man durch sie in Kontakt mit Personen, deren Grundbildung sich auf sehr niedrigem Niveau befindet, was ihren Alltag erheblich erschwert. „Oft kommen wir durch Hören-Sagen auf ihre Spur, wenn etwa ein Sozialhelfer merkt, wie schwer sich jemand etwa mit Formularen tut“, erklärt Chantal Fandel, „oder es ist eine Eltern-Kind-Geschichte, bei der Eltern mit bei der Hausaufgabenhilfe erscheinen. Es kann natürlich auch sein, dass Kinder ihre Eltern ermutigen, sich in Alphabetisierungskurse einzuschreiben“. Ein Akt, der für manche Personen nicht einfach sei, vielleicht aus Zeitmangel, aber auch aus Angst, bloßgestellt zu werden. Chantal Fandel vermutet eine gewisse Dunkelziffer von Menschen, die sich ohne die notwendigen Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen durchs Leben schlagen. Ihnen stehe das  SFA jedenfalls jeder Zeit zur Verfügung, um diese Lage zu ändern.

Personen, die besser schreiben, lesen oder rechnen lernen wollen, können sich einschreiben oder informieren unter der Gratisnummer 8002 4488