LUXEMBURG/CAIRNS
SIMONE MOLITOR

Die Luxemburgerin Athena Andreosso lebt ihren Traum in Australien

Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum. Zugegeben, diese Floskel klingt abgedroschen, in diesem speziellen Fall trifft sie aber genau zu. Die 27-jährige Athena Andreosso hat Meeresbiologie studiert, Luxemburg schließlich den Rücken zugekehrt und sich in ein australisches Abenteuer gestürzt. Natürlich nicht ohne Plan.

Wie der Nachname Andreosso unschwer erahnen lässt, hat Athena italienische Wurzeln. Ihre Großeltern sind seinerzeit nach Luxemburg ausgewandert, in den Sommermonaten aber immer in die einstige Heimat zur Familie ans Meer zurückgekehrt. Ab ihrem vierten Lebensjahr war Enkelin Athena mit von der Partie und damals schon eine echte Wasserratte. „Mich hat man fast nicht aus dem Wasser bekommen. Ich glaube da hat irgendwie alles angefangen. Das Meer hat mir immer total gefehlt, wenn ich wieder zuhause war“, erklärt Athena. Ein einschneidendes Erlebnis, das ihren Berufswunsch schließlich mit herbeiführen sollte, war ein ganz bestimmter Film: „Als ich acht war, habe ich Free Willy gesehen, und wollte auch unbedingt mit Walen schwimmen“, lacht die Studentin. Die großen Meeresbewohner hatten es ihr angetan. Diese Faszination sollte sie nicht mehr loslassen. „Zwischendurch hatte ich noch andere verrückte Teenie-Ideen, aber eigentlich stand ziemlich früh fest, dass ich Meeresbiologie studieren wollte“, so Athena.

Test-Jahr in Australien

Um sich die endgültige Entscheidung leichter zu machen, beschloss sie nach dem Abitur im Jahr 2007, das Großherzogtum für ein Jahr zu verlassen. „Diese Zeit wollte ich nutzen, um zu überlegen, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Es sollte ein weit entfernter Ort sein, wo ich niemanden kenne, und wo ich etwas komplett anderes machen konnte, um mir ganz neue Perspektiven zu eröffnen“, erzählt die Luxemburgerin. Australien hieß das Ziel. Teilgenommen hat die damals 20-Jährige an dem Programm „Agriventure“ der „International Agricultural Exchange Association“ und landete auf einer Farm. Neue Erfahrung, neue Perspektive? „Ganz sicher jedenfalls ein neuer Traum“, so Athena. „Damals hat mich ein 70-jähriger australischer Cowboy vom Flughafen abgeholt und drei Stunden durchgequasselt. Ich habe kein Wort verstanden und etwas an meiner Entscheidung gezweifelt. Diese Zweifel waren aber wie weggefegt, als wir schließlich angekommen waren. Die Farm lag mitten im australischen Busch. Irgendwie empfand ich plötzlich eine ungemeine innere Ruhe und wusste, dass dies die beste meiner bisherigen verrückten Ideen war. Ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein“, erinnert sich die junge Frau.

Als Ausgleich zur Arbeit auf der Farm zog es Athena immer wieder zum Tauchen an die Ostküste, genauer gesagt in die Stadt Cairns, wo sie übrigens heute lebt. „Es war einfach verrückt, nicht nur wie schön die Korallenriffe dort waren, sondern die ganze Atmosphäre. Ich habe viele interessante Menschen kennen gelernt. Beim Tauchen fiel dann die endgültige Entscheidung: Ja, Meeresbiologie sollte es sein. Leider ist ein Studium in Australien sehr teuer, deshalb hieß es zurück nach Europa. Für den Master-Studiengang wollte ich aber wieder nach Australien“, erzählt Athena.

Einmal Bonn und wieder zurück

Die nächste mehrjährige Station war Bonn und die dortige Universität. In ihrer Bachelor-Arbeit knöpfte sich Athena das Thema Verhaltensphysiologie von Zebrafischen vor. 2011 hatte sie das Diplom in der Tasche und immer noch den gleichen Traum, sodass sie sich alsbald an der James Cook University in Townsville für den Master einschrieb. Diesmal nahm sich die angehende Forscherin dann auch endlich die Wale vor, genauer die „Dwarf Minke Whales“. „Es war ein unbeschreibliches Gefühl während der Walsaison im Juni/Juli im Wasser zu sein. Da hängst du mitten im Great Barrier Reef an einem Seil - immerhin ist zu dieser Zeit Winter in Australien, demnach 40 Knoten Windstärke - die Wellen schmeißen dich hin und her, und dann siehst du auf einmal einen weißen Flecken durchs Wasser gleiten, und dann kommt wie aus dem Nichts eine riesige graue Walnase geradewegs auf dich zu, schwimmt nur einen Meter unter dir hindurch, das ist ein Wahnsinnserlebnis“, schwärmt Athena, gibt aber gleich zu, dass diese Art der Verhaltensforschung sie nicht komplett befriedigte: „Es ging hauptsächlich darum zu beobachten, Fotos zu machen und das Verhalten zu beschreiben, demnach alles relativ subjektiv. Da fehlte mir die Herausforderung“. Die hat sie nun bei anderen Meeresbewohnern gefunden: Quallen, oder vielmehr deren Gift.

Erfolgserlebnis

Während eines Uni-Kurses hatte die Studentin Assoc. Prof. Dr. Jamie Seymour, einen weltbekannten Quallenexperte, auch bekannt als „The Jellyfish Dude from Nemo-land“, kennen gelernt und Gefallen an dessen Arbeit gefunden. „Bei dieser Art der Forschung kann man Labor- mit Feldarbeit verbinden. Die meisten tierischen Gifte verlieren ihre Wirksamkeit schnell, sodass wir immer wieder mit dem Uni-Boot rausfahren, um neues Gift zu sammeln. Ich wollte den Effekt von Quallengift auf Herz- und Krebszellen testen, und zwar von der giftigsten Qualle der Welt: The Big Box Jellyfish (Chironex fleckerli). Tierische Gifte bilden zurzeit ein neues, aufstrebendes Forschungsgebiet in der Medizin, da sie eine unerforschte Quelle von pharmakologisch wirksamen Stoffen darstellen. Lange Rede kurzer Sinn, das Wichtigste ist im Endeffekt, dass ich eine Komponente im Quallengift gefunden habe, die Potenzial in der Krebsforschung hat. Ich bin gerade dabei, meine Ergebnisse zu Papier zu bringen“, erzählt die Studentin, die ihr Uni-Projekt im Rahmen der „Queensland Tropical Health Alliance“ (QTHA) gemacht hat.

Mitten im Paradies

„Für mich läuft momentan alles richtig gut. Sobald ich meinen Master habe, werde ich mich für mein Doktorstudium anmelden, um dieses Projekt weiterzuführen und mich komplett auf die Giftforschung zu spezialisieren“, erklärt die 27-Jährige. Von Australien weggehen, will die angehende Forscherin nicht mehr, zu sehr hat sie Land und Leute schätzen gelernt: „Die Menschen haben hier eine ganz andere Einstellung zum Leben, sie sind motiviert, fleißig und dennoch selten gestresst. Das ist natürlich verständlich, wenn man das Paradies direkt vor der Haustür hat. Es gibt so viele Möglichkeiten. Hier arbeitet man nicht zeitlebens dafür, sich als Rentner irgendwann einen Traumurlaub leisten zu können, nein, hier arbeitet man im Paradies. Ich lebe einen Traum… meinen Traum“.