PATRICK WELTER

Als 1980 Tito starb und jeder Geschichtsstudent im ersten Semester wusste, dass früher oder später das Blut durch die Schluchten des Balkans fließen würde, ging Europas Politik auf Tauchstation. Keiner der beiden Blöcke interessierte sich für die Fliehkräfte innerhalb Jugoslawiens und schon gar nicht für den Brandstifter Milosevic. In den 1990ern folgte dann die Rechnung für Westeuropa: Flüchtlinge, humanitäre Hilfe, Friedenstruppen und ein veritabler Luftkrieg.

Überraschenderweise ist die Politik doch lernfähig. Als in der letzten Woche in der Ukraine die Lunte von zwei Seiten brannte, waren es die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens die zum sofortigen Löscheinsatz nach Kiew ausrückten. Zum Glück. Inwieweit die drei Herren direkt zum (augenblicklichen) Sieg der Opposition beigetragen haben ist unklar, aber die gemäßigten Kräfte auf beiden Seiten fühlten sich dazu aufgerufen, einen Neuanfang zu wagen.

Die Oppositionsführerin frei, der abgesetzte Präsident auf der Flucht. Das Blutvergießen wurde gestoppt. Der Präsidentenpalast besetzt, aber nicht geplündert. Ordentliche Wahlen stehen vor der Tür. Die zweite ukrainische Revolution innerhalb von zehn Jahren hat gesiegt. Unglücklicherweise folgt ein gewaltiges „Aber…“

Die Liste der Krisenfaktoren ist lang: Die Ukraine ist pleite. Sie ist je nach Standpunkt Puffer oder Zankapfel zwischen Russland und der EU 28. Schlimmer noch, das Land ist janusköpfig. Die einen schauen nach Westen, die anderen nach Russland. Sag mir, welche Sprache du sprichst und ich sage dir, wo du stehst.

Zwischen Lwiw und Donezk liegen nicht nur tausend Kilometer, sondern Welten. Lwiw ist nichts anderes als das alte k. u. k. österreich-ungarische Lemberg, das historisch und kulturell nichts gemein hat, mit dem Kohlerevier am kleinen Don, das viel lieber zu Russland gehören würde. Trotz der Vertreibungen und Morde vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg fühlt man in Lemberg und Czernowitz (beide bis 1918 deutschsprachig) fast mitteleuropäisch. Die Sehnsucht nach einer Rückkehr nach „Europa“ ist offensichtlich. Diese Stimmung trägt bis Kiew. Osten und Süden der Ukraine fühlen anders, Putin gilt dort als Retter Russlands

Die Krim ist ein Spezialproblem, erst seit Chruschtschow gehört sie zur Ukraine, man ist durch und durch pro-russisch. Janukowitsch, der Präsident auf der Flucht, erreichte dort Wahlergebnisse weit jenseits der 80%. Kein Wunder, ist Sewastopol doch immer noch der Haupthafen der russischen Schwarzmeerflotte. Laut Pachtvertrag bis 2042. Es ist schwer vorstellbar, dass der Präsident aller Russen damit einverstanden ist, dass seine Schlachtschiffe in einem Land liegen, dessen Spitze darauf aus ist, Begleitboot der EU zu werden.

Die demokratischen pro-westlichen Kräfte haben für den Augenblick und zu Recht gewonnen. Wenn sie diesen „Sieg“ in Stabilität ummünzen wollen, müssen sie die anderen Landesteile mit einbinden: Durch eine bundesstaatliche Ordnung, mit einer Gleichberechtigung der russischen Frage, vielleicht sogar durch einen Verzicht auf die Krim. Denn „pro-russisch“ heißt nicht automatisch „anti-demokratisch“.