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Einmarsch der türkischen Armee in Afrin-Gebiet trifft Siedlungsgebiet der Jesiden in Syrien

Demonstrativ hat Papst Franziskus am ersten Tag des Einmarsches der türkischen Armee in das Afrin-Gebiet in Syrien eine Delegation von in Deutschland lebenden Jesiden zur Audienz empfangen. Christen leben nur ganz wenige im Afrin-Gebiet. Bereits 2015, als der Vormarsch des „Islamischen Staates“ (IS) im Nordirak auch das dortige Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden, das Sindjar-Gebirge, wo Tausende jesidische Frauen in die Sklaverei des IS gefallen waren, erreicht hatte, hatte das Schicksal dieser doppelten Minderheit die Weltgemeinschaft erschüttert. Die Jesiden sind unter den Kurden, deren Sprache und Kultur sie weitgehend teilen, eine religiöse Minderheit, weil auch die Kurden mehrheitlich sunnitische Muslime sind, wie die Mehrheit der Menschen in der Türkei und in Syrien. Von den Arabern und Türken werden die Jesiden sowohl als Kurden ethnisch diskriminiert als auch als Teufels-anbieter religiös diffamiert, weshalb sich der Hass des IS mehr auf die Jesiden konzentrierte als auf die Christen, die immerhin zu einer auch im Koran erwähnten Buchreligion gehören.

Religion seit dem zweiten Jahrtausend vor Christus

Die Jesiden führen den Ursprung ihrer Religion nicht auf eine Buchoffenbarung zurück wie die Muslime oder Christen, ihre Religion entstand bereits im zweiten Jahrtausend vor Christus, zu der Zeit als auch der persische Zarathustra-Glaube entstand, mit dem die mündlich offenbarte Lehre der Jesiden etwa im Glauben an einen Kampf zwischen Gut und Böse viele Gemeinsamkeiten aufweist. Die Jesiden verstehen sich bis heute als Ursprungsreligion der Kurden, die wie die Iraner eine indoeuropäische Sprache sprechen, während Türkisch und Arabisch keine indoeuropäischen Sprachen sind. Die Jesiden gelten als Anhänger der kurdischen PKK oder YPG in Syrien, weil diese Gruppierungen als eine der wenigen Akteure der Region keine religiöse Agenda haben und die Jesiden deshalb hoffen, unter ihrer Herrschaft nicht mehr diskriminiert zu werden.

Papst Franziskus hat in den letzten Jahren immer wieder über die Lage der Jesiden gesprochen. Vor zwei Jahren traf er im Vatikan mit dem weltlichen und religiösen Oberhaupt der damals vom IS verfolgten Jesiden, Mir Tashin Said Ali-Beg, zusammen. Damals dankte Ali-Beg dem Papst für diese Unterstützung. Weltweit gibt es rund 1,5 Millionen Jesiden, rund die Hälfte lebt im Irak und in Syrien. Größere jesidische Gemeinden gibt es noch in Georgien, Armenien und Deutschland, wohin die einst zahlreichen Jesiden aus der Türkei seit 40 Jahren geflüchtet sind. Papst Franziskus hat immer, wenn er die Internationale Gemeinschaft zu einem Eingreifen im Nordirak aufgerufen hat, um den Islamischen Staat zu „stoppen“, Christen und Jesiden stets gemeinsam als Opfer des IS bezeichnet.

Jesiden und orientalische Christen in einem Boot

Wegen der gemeinsam erlittenen Verfolgung durch den Islam hatten sich die Jesiden in den letzten Jahrhunderten bereits sehr stark an die Christen angenähert. In Armenien zum Beispiel gelten die Jesiden, weil sie viele Armenier während des Völkermords 1915/1916 in ihren Dörfern in der Südosttürkei versteckt und gerettet haben, als die engsten Freunde der Christen.

Vor einigen Jahren hat man in Armenien einen Nachbau des zentralen Heiligtums der Jesiden von Scheich Adi im Nordirak eingeweiht und daran einen Park der jesidisch armenischen Freundschaft angeschlossen. Um sich vom Rest der Kurden kulturell abzugrenzen, sind die Jesiden in Armenien dazu übergegangen, ihre kurdische Sprache in kyrillischen Buchstaben zu schreiben, während sonst die Kurden ihre Sprache in lateinischen Buchstaben schreiben, die seit 1923 auch die Türken benutzen.

Der türkische Präsident Erdogan hatte seine Invasion des Afrin-Gebietes in Nordsyrien, das bislang neben der Alawiten-Region an der Küste eine der letzten Regionen Syriens war, die von dem seit 2011 herrschenden Bürgerkrieg verschont geblieben war, auch mit religiösen Floskeln versucht zu legitimieren. So sollte allein schon die von den Türken gewählte Bezeichnung „Aktion Olivenzweig“ religiöse Assoziationen wecken, da der Olivenzweig neben der Taube seit der Arche Noah auch unter Muslimen, denn die Noah-Geschichte ist ebenfalls Teil des Koran, als Symbol des Friedens gilt. Auch die Tatsache, dass Erdogan seit Beginn der Invasion in allen Moscheen des Landes Fürbittgebete für den Sieg der türkischen Waffen abhalten ließ, erinnert sehr stark an einen Heiligen Krieg.

Das Wort ist in diesem Fall nicht gefallen, weil die Mehrheit der Bewohner des Afrin-Gebietes ja sunnitische Muslime sind und ein Heiliger Krieg, nach islamischem Recht, nur gegen Nichtmuslime ausgerufen werden darf.