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PASCAL STEINWACHS MIT DPA

„Weckruf“ des Weltklimarats - Sofort handeln gegen die Katastrophe

Missernten, Dürren, steigende Meeresspiegel: Die Begrenzung des Klimawandels und seiner Folgen wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Der Weltklimarat der Vereinten Nationen fordert in einem Sonderbericht rasches Handeln in allen Bereichen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Zwar seien die Folgen für die Weltbevölkerung dann immer noch dramatisch. Eine Erwärmung um zwei Grad würde die Lebensgrundlagen für Hunderte Millionen Menschen aber noch viel stärker bedrohen, warnen die Experten.

Im Pariser Klimaabkommen hat die Weltgemeinschaft sich darauf verständigt, den Klimawandel bei „deutlich unter zwei Grad“ zu bremsen, möglichst aber schon bei 1,5 Grad. Wissenschaftler wurden beauftragt, auszuarbeiten, ob und wie das machbar ist. In der Nacht zum Montag legten sie ihre Ergebnisse in Südkorea vor.

Klimawandel und Armut: zwei Seiten derselben Medaille

Umweltministerin Carole Dieschbourg erinnerte ihrerseits gestern noch einmal daran, dass der Klimawandel und die Armut zwei Seiten derselben Medaille seien. Scheitere man auf der einen Seite, dann scheitere man auch auf der anderen Seite, und dann scheitere man ebenfalls bei der Flüchtlingsbekämpfung, wie Umweltstaatssekretär Claude Turmes hinzufügte. Welche Auswirkungen der Klimawandel - und beide Regierungsmitglieder sprachen in diesem Zusammenhang von der größten Herausforderung für die Menschheit in diesem Jahrhundert - auf die Umwelt haben könne, das habe inzwischen auch unser Land „brutal mitbekommen“, wie die sintflutartigen Regenfälle in diesem Jahr aufgezeigt hätten. Sonntagsreden würden hier nicht ausreichen. Es gelte dann auch umgehend zu handeln, zeigte sich die Ministerin überzeugt. „Now or never“, so Turmes.

Dass der Moment der Wahrheit gekommen sei, glaubt auch Greenpeace Luxemburg, zeigt sich die Organisation doch überzeugt, dass das Großherzogtum und sein Finanzsektor eine führende Rolle beim globalen Klimaschutz spielen könnten, werde doch ein erheblicher Teil unserer Fondsindustrie in fossile Brennstoffe und Kohlenstoff-intensive Industrien investiert. „Die globale Erwärmung auf 1,5-Grad zu begrenzen, erfordert rasche, weitreichende und beispiellose Veränderungen in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft“, erklärte seinerseits der Klimarat IPCC. Es gehe um Energie, Industrie, Gebäude, Transport, Landnutzung und Städtebau. Der globale Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und anderen Klimagasen müsste nach dem IPCC-Bericht für das 1,5-Grad-Ziel von 2010 bis 2030 um 45 Prozent fallen und im Jahr 2050 netto bei Null liegen. Das 1,5-Grad-Ziel bezieht sich nicht auf die derzeitige Temperatur, sondern auf die vor der Industrialisierung - denn seitdem hat die Erde sich bereits um etwa ein Grad erwärmt. Es bleiben also nur 0,5 Grad. „Eine der Kernaussagen des Berichts ist: Wir sehen derzeit bereits die Konsequenzen von einem Grad Erderwärmung wie mehr Extremwetter, steigende Meeresspiegel, schwindendes arktisches Meereis und andere Veränderungen“, sagte der Co-Vorsitzende einer IPCC-Arbeitsgruppe. Einig sind sich die meisten Forscher, dass die Welt ohne zusätzliche Anstrengungen derzeit sogar auf drei bis vier Grad Erwärmung zusteuert. Das Pariser Klimaabkommen sieht vor, dass die Staaten ihre Ziele regelmäßig nachschärfen. Genaue Regeln dafür sollen auf der nächstem UN-Klimakonferenz im Dezember im polnischen Kattowitz beschlossen werden. Der IPCC-Bericht macht deutlich, dass es große Unterschiede zwischen einer Erwärmung von 1,5 und einer von 2 Grad gibt: Die Begrenzung auf 1,5 Grad könnte die Zahl der Menschen, „die klimabedingten Risiken ausgesetzt und anfällig für Armut sind, bis 2050 um mehrere Hundert Millionen“ verringern. Bei 1,5 Grad werden Ernteeinbußen bei Mais, Reis, Weizen und womöglich weiteren Getreidearten geringer ausfallen. Der Meeresspiegel wird bei 1,5 Grad bis zum Jahr 2100 um 10 Zentimeter weniger klettern als bei 2 Grad. Einen eisfreien Arktischen Ozean im Sommer gibt es wahrscheinlich einmal pro Jahrhundert, bei 2 Grad vermutlich „mindestens einmal pro Jahrzehnt“. Etwa 70 bis 90 Prozent der Korallenriffe würden bei 1,5 Grad verschwinden. „Mit 2 Grad wären praktisch alle verloren.“ Bei 2 Grad könnten deutlich weniger Fische gefangen werden. Am heutigen Dienstag treffen sich die EU-Umweltminister in Luxemburg, um über ihre Position vor der kommenden Weltklimakonferenz und den Klimaschutz im Verkehr, also strengere CO2-Grenzwerte für Neuwagen, zu verhandeln.

Claude Turmes zeigt sich diesbezüglich optimistisch, und sprach gestern davon, dass man „ganz nah“ dran sei, die Autoindustrie zu isolieren, hinter der sowieso nur noch Deutschland und eine Reihe von östlichen Mitgliedstaaten stehen würden...