PATRICK WELTER

Gestern Morgen erinnerte Medienminister Xavier Bettel beim Neujahrsempang für die Presse an den 7. Januar 2015. An den Tag, der sich für lange Zeit in das kollektive Gedächtnis aller Nachrichtenmenschen eingebrannt hat: An einem Januarmorgen vor fünf Jahren haben zwei von religiösem Hass getriebene Gotteskrieger fast die gesamte Redaktion von „Charlie Hebdo“ erschossen. Kugelhagel in der Redaktionskonferenz. Die satirische Wochenzeitung nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um religiöse Eiferer jeder Couleur geht. Was satirisch überzeichnete Politikversager mehr als einmal mit einem süßsauren Lächeln wegstecken mussten, lässt bei religiösen Eiferern die Sicherungen vollends durchknallen. Schon die Hysterie um dänische Mohammed-Karikaturen zeigte, dass das Recht auf Satire in vielen Ecken der Welt völlig unbekannt ist.

Europa scheint ja eine Insel der Seligen in Sachen Pressefreiheit zu sein. Betonung auf scheint. In EU-Ländern wie Polen oder Ungarn wächst der Druck der Regierung, vor allem auf die elektronischen Medien. Von Kaczynski und Orban wird, was nicht passt, passend gemacht. Wobei dieses Vorgehen von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ im weltweiten Vergleich nur als „erkennbare Probleme“ eingestuft wird - die USA fallen Dank Trumps „Fake-News“ Propaganda auch in diese Kategorie. Auf der jährlich von der Organisation veröffentlichten Weltkarte dominiert die Farbe „Rot“, sie steht für eine „schwierige Lage“ der Presse, was für fast ganz Asien gilt - beginnend am Bosporus. In der Türkei, einem Land das als EU-Beitrittskandidaten gilt, ist Journalist keine Berufsbezeichnung sondern a priori ein Straftatbestand. Nur Kollegen, die europäische Verbindungen oder einen zweiten Pass hatten, ist es gelungen Erdogans autoritärem Regime zu entkommen. Türkische Journalisten verrotten weiterhin im Knast.

Immerhin ist man ihnen bis jetzt nicht mit der Knochensäge zu Leibe gerückt, wie Jamal Khashoggi. Der missliebige Journalist wurde in einer diplomatischen Vertretung des super-frommen Saudi-Arabien, im Namen der Staatsräson zuerst erwürgt und dann zerstückelt. Erst als die Sache auffiel, gab man in Riad den Pontius Pilatus, wusch die königlichen Hände in Unschuld und henkte ein paar Subalterne. Saudi-Arabien gehört mit dem Iran, China, Kuba und - wie könnte es anders sein - Nordkorea zu jenen Staaten, bei denen die „Reporter ohne Grenzen“ nicht mehr rot, sondern schwarz sehen: „Sehr ernste Lage“ - übersetzt heißt das: Absolute Zensur, Haft, Umerziehung oder spurloses Verschwinden.

Morde an investigativen Journalisten sind aber keine Spezialität der Dritten Welt. Offenbar sinkt auch in Europa die Hemmschwelle politische Korruption mit allen Mitteln zu vertuschen, wie Beispiele in der Slowakei und Malta zeigten. Zum Glück nicht folgenlos. Vor allem auf Malta ist die Sache nach hinten losgegangen. Der Mord an Daphne Caruana Galizia hat das ganze Land erschüttert und nach einem langsamen Anlaufen haben Proteste und polizeiliche Ermittlungen die korrupten Minister und den Premier fortgespült.