LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Ein Service für mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten

Sabina Guerrero ist jung, hoch qualifiziert, mehrsprachig und motiviert; genauso wie ihre Geschäftspartnerin Carolina de Leon. Die beiden Frauen hätten Top Jobs haben können. Aber sie gründeten lieber ihr eigenes Unternehmen: „The Job Tailors“. Den beiden ging es vor allem um mehr Flexibilität für qualifizierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Denn beide sind nicht nur mehrsprachige Expertinnen, sondern auch Mütter. Da blieb ihnen die Wahl zwischen der teuren Krippe und einem Vollzeitjob oder gar nichts. Genau da liegt die Crux, die sie mit „The Job Tailors“ für Mitarbeiter lösen wollen - aber auch für Unternehmen, die qualifiziertes Personal suchen. Hier erklären sie, wie das gehen soll.

Warum haben Sie „The Job Tailors“ gegründet?

Sabina Guerrero Die Arbeitswelt verändert sich, viele qualifizierte Frauen suchen mehr Flexibilität und Individualität, aber nicht nur Frauen. Wir wollen Unternehmen helfen, gute Kandidaten zu finden und gleichzeitig Männer und Frauen vermitteln, die auf der Suche nach einer anspruchsvollen Tätigkeit sind, diese aber nicht 60 Stunden die Woche ausfüllen wollen. Der Bedarf ist sicher da, denn viele Unternehmen suchen, gerade im IT-Bereich.

Carolina de Leon Wir bieten Consulting und Recruiting an. Mit unserem Ansatz ziehen wir Leute an, die sich sonst nicht unbedingt auf dem Markt befinden würden oder sich erst gar nicht bewerben, weil viele Jobausschreibungen an der Realität vorbei gehen. Wir haben viele Kunden, die leitende Positionen besetzen wollen; da fehlen einfach Leute.

Wenn es so wenig Flexibilität gibt, hat das seinen Grund. Sie können die Unternehmen ja nicht zwingen…

Guerrero Nein, aber viele erkennen, dass zufriedene Mitarbeiter effizienter, weniger krank und sehr loyal sind. Damit Frauen, die oft eine Auszeit für die Kinder genommen haben, wieder fit werden, haben wir die Initiative „the returners“ für gut ausgebildete Mütter nach einer langen Pause gestartet. Denn diese befinden sich weder in der Kartei der Adem noch auf sonst einer Liste. Manche sind fünf Jahre draußen, manche länger. Als Mutter steht man vor dem Teufelskreis hohe Krippenkosten - lange Arbeitstage - hoher Frust. Wir haben ein Programm mit Workshops und Coaching entwickelt. Die Frauen brauchen Motivation, viele haben wenig Selbstbewusstsein, obwohl sie sehr qualifiziert sind. Unternehmen suchen auf der anderen Seite Diversität. Mütter gehören dazu. Sie sind Managerinnen der Familie und haben viel über Organisation gelernt. Unsere Argumente haben unter anderem eine hier vertretenen Konzern überzeugt, die sind jetzt unser Partner.

De Leon Bislang hing bei der Einstellung das meiste in der Vorauswahl vom Lebenslauf ab. Die Motivation der Leute zeigte sich erst nach der Anstellung. Da waren Frauen benachteiligt. Der Anteil der arbeitenden Frauen liegt in Luxemburg bei 61 Prozent, also zehn Prozent unter dem der Männer. Es gibt nur sehr wenige CEOs und noch weniger Aufsichtsräte. Aber motivierte Frauen sind ausgezeichnete Mitarbeiterinnen. Damit das klappt, erklären die Frauen uns ihre zeitlichen Limits und wir verhandeln mit den Unternehmen. Entwicklungen wie Telearbeit, Jobsharing und Coworking erleichtern solche Schritte. In Australien gibt es schon einen Tag der flexiblen Arbeit. Hier in Luxemburg unterstützt die Regierung solche Bemühungen, nicht zuletzt wegen des Verkehrs. Und noch etwas: Wir richten uns nicht nur an Mütter.

Wer sind noch ihre Klienten?

De Leon Unsere Partnerin Linda Kaestner, die im Norden des Landes wohnt, hat zwei Hunde. Sie will einfach genug Zeit für sie haben und fand keine Tätigkeit zu 80 Prozent. Andere haben ein Hobby, das sie intensiv beschäftigt oder kümmern sich um Angehörige. Es gibt viele Gründe. Auch für Grenzgänger oder Grenzgängerinnen kann es interessant sein, an der Grenze Luxemburgs flexibler in Büros zu arbeiten. Damit Unternehmen das akzeptieren, muss die Führung dahinter stehen. Millenials schließlich denken ganz anders und wollen selbst entscheiden, wie viel sie arbeiten. Die sehen die Welt ganz anders, wollen eine Gleichgewicht im Leben, gutes Essen, Klimaschutz und Yoga. Heute hat jeder Facebook und nutzt Technologie, aber die Unternehmen und die Kinderbetreuung in Luxemburg verändern sich nicht.

Guerrero Das ganze Bewertungssystem muss natürlich damit einhergehen. Man muss eigentlich jede Stelle auf die mögliche Flexibilität untersuchen.

Wie sind Sie selbst auf die Idee gekommen?

De Leon Ich kam nach Luxemburg und machte als Ingenieurin Karriere, schloss dann noch einen Master in Business Administration an. Aber nach der Geburt meiner zwei Kinder war es schwierig ohne Flexibilität. Ich hatte als Consultant für Start-ups gearbeitet und war durch die Familie sechs Jahre ganz raus. Selbst wenn ich um 8.00 angefangen hätte, wäre es mit dem Krippenschluss um 16.00 oder 17.00 ganz schwierig geworden.

Guerrero Ich habe gekündigt, um mich selbstständig zu machen. Es war zu schwierig, meine beiden Kinder und die starren Arbeitszeiten unter einen Hut zu bringen. Ich habe zuerst einen Job gesucht, weil ich nicht von meinem Mann abhängig sein wollte. Aber das unmöglich bei den Arbeitszeiten interessanter Stellen und den Öffnungszeiten der Krippen. Ich habe einen Master in Logistik und die Stellen, auf die das passt, sind sehr unflexible.

Gibt es Gegenbeispiele von Unternehmen, die flexible sind?

De Leon Auch die Société Générale hat mehr Flexibilität eingeführt. Und entgegen aller Erwartungen haben nicht alle Mitarbeiterinnen aus Frankreich frei genommen, weil an diesem Tag keine Grundschule ist. Es haben sich auch viele Männer für einen freien Tag entschieden. Viele Mitarbeiter haben Telearbeit gewählt, weil sie so konzentrierter arbeiten können. Manche sind morgens um 3.00 effizienter, andere spät.

Wie kann man sich an Sie wenden?

Guerrero Wir starten im September das Programm mit einem großen Unternehmen hier in Luxemburg. Wir denken, dass andere Unternehmen kommen werden. Wir wollen Unternehmen, für die die Leute zählen. Wir würden gern die Regierung einbinden und kooperieren mit der Sunflower-Krippe.

www.thejobtailors.lu