PASCAL STEINWACHS

Auch wenn Vizepremier Étienne Schneider sich normalerweise schon von seiner Statur her nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt und Provokationen des politischen Gegners in der Vergangenheit zumeist schlagfertig zu kontern wusste, so scheint er im Wahlkampf, der acht Monate vor dem Wahlsonntag langsam aber sicher Fahrt aufnimmt, jedoch ein ganzes Stück dünnhäutiger geworden zu sein, ansonsten er sich ja wohl kaum derart über den grünen Koalitionspartner aufregen würde, wie er dies schon seit einiger Zeit tut.

So hatte sich der sozialistische Wirtschaftsminister schon vor einigen Wochen ein mediales Gefecht mit der grünen Umweltministerin Carole Dieschbourg geliefert, nachdem diese Bedenken gegen eine geplante Joghurtfabrik in Bettemburg, eine Steinwollefabrik in Sassenheim und die Ansiedlung des Google-Datenzentrums in Bissen geäußert hatte. Nun hat er in einem Interview mit dem „Land“ noch einmal nachgelegt und daran erinnert, dass Luxemburg auch Industrie brauche, und kein „Micky-Maus-Land“ sein könne, das nur einen Finanzplatz habe und Dienstleistungen anbiete. Auch hat der Vizepremier den „Mouvement écologique“ im Verdacht, „den grünen Kollegen“ in Wahlkampfzeiten zu helfen, „ihr Profil zu schärfen“.

Herumzuschlagen hat sich Schneider in diesen Tagen aber nicht nur mit den grünen Regierungskollegen, die kurz vor den Wahlen anscheinend plötzlich wieder ihre grüne Seite entdeckt haben, sondern auch mit den dem Gewerkschaftsflügel angehörenden Genossen aus der eigenen Partei, denen der allzu forsch auftretende Vizepremier schon immer ein Dorn im Auge war. So versucht dieser, der ja noch offiziell zum Spitzenkandidaten gekürt werden muss, dann auch schon seit einiger Zeit mit seinen Vorschlägen zur Arbeitszeitverkürzung und Erhöhung des Mindestlohns die Parteilinke zu besänftigen, was aber nicht verhinderte, dass ein Teil der um ihre Wiederwahl bangenden LSAP-Abgeordneten in einem offenen Brief an die Parteispitze für eine Neuausrichtung der LSAP eintraten, darunter erstaunlicherweise auch LSAP- Vizepräsidentin Taina Bofferding, die sich ja eigentlich andersweitig Gehör hätte verschaffen können, aber dann hätte es keiner mitbekommen, und der gewünschte Publicity-Effekt wäre ausgeblieben.

Bei der DP und bei den Grünen sind indes keine parteiinternen Flügelkämpfe bekannt, so dass deren Parteivorsitzenden ihre Truppen im Griff zu haben scheinen.

Ganz anders sieht es wiederum bei der CSV aus, bei der zwar einige Schwergewichte vor lauter Kraft fast nicht mehr laufen können, aber wenn sich dort mindestens zwei Dutzend Parteimandatare für ministrabel halten, wie die frühere CSV-Europaabgeordnete Astrid Lulling dieser Tage fröhlich aus dem Nähkästchen plauderte, und mit Viviane Reding eine aktuelle Europaabgeordnete sowohl ihrem Spitzenkandidaten als auch ihrem Parteipräsidenten schlaflose Nächte bereitet, weil sie sich partout nicht entscheiden will, in welchem Bezirk sie denn nun antritt, dann sorgt dies an der Parteispitze nicht unbedingt für gute Laune. Die Nervosität wächst...