NEW YORK
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Eines der wichtigsten Treffen seiner ersten 100 Tage an der UN-Spitze absolvierte António Guterres, bevor er überhaupt im Amt war: „Willkommen in Moskau“, sagte kein Geringerer als Russlands Präsident Wladimir Putin, als er den damals noch designierten Generalsekretär der Vereinten Nationen Ende November im Kreml empfing. Putin gratulierte zur Wahl, schien aber auch zu warnen: „Das ist ein sehr verantwortungsvoller und komplexer Job.“

Er will auch ein General sein, nicht nur ein Sekretär

Kompliziert ist der Posten. Guterres‘ Erfolg bei internationalen Konflikten in Syrien, Nordkorea, der Ukraine oder zwischen Israelis und Palästinensern hängt zu großen Teilen von seiner Wahrnehmung, seiner Persönlichkeit, seinem Führungsstil ab. Bleibt er zurückhaltender Diplomat wie sein Vorgänger Ban Ki Moon, der viele Probleme an Sondervertreter abgibt? Oder hält er die Fäden lieber selbst in der Hand? Seit Guterres‘ Amtsantritt vor 100 Tagen zeigt sich: Er will auch ein General sein, nicht nur Sekretär.

Nur eine Woche, nachdem er in New York die Arbeit aufgenommen hatte, bestieg Guterres einen Flieger in die Schweiz. Erster Punkt seiner Reise-Agenda: Verhandlungen zur Überwindung der Teilung Zyperns. Die Gespräche in Genf, in die der Generalsekretär sich trotz seines Sonderberaters Espen Barth Eide direkt eingeschaltet hatte, ließen die Zyprer nach mehr als 40-jähriger Teilung wieder auf eine geeinte Insel hoffen. Die Gespräche wurden Mitte Februar zwar abgebrochen. Doch Guterres, der als geschickter Unterhändler gilt, scheint in Treffen mit den beteiligten politischen Führern am Ball zu bleiben.

Zehn Jahre UN-Flüchtlingskommissar

Auch afrikanische Staaten, die mit humanitären Krisen wie im Südsudan und Somalia kämpfen, scheint Guterres im Blick zu haben. Besuche in Flüchtlingslagern sind für den ehemaligen UN-Flüchtlingskommissar kein Neuland. Er musste auf diesem Posten zwischen 2005 und 2015 bereits mit einer schlimmen Migrationskrise fertig werden und erntete für seinen Einsatz viel Lob. Seine Reisen führten ihn seit Januar in Afrika auch nach Kenia und Äthiopien sowie Ägypten.

Guterres‘ Chancen, im Syrien-Konflikt etwas zu bewegen, scheinen da schon begrenzter. Am festgefahrenen politischen Streit hinter dem grauenvollen Bürgerkrieg mit mehr als 400.000 Toten und Millionen Flüchtlingen beißen sich Spitzendiplomaten seit Jahren die Zähne aus. Im UN-Sicherheitsrat herrscht ein Patt - selbst auf schwache Resolutionen können die Botschafter sich dort kaum einigen.

Beim Luftangriff des US-Militärs auf Syriens Armee klang Guterres diplomatisch, wie ein UN-Generalsekretär bei einem Militärschlag es meist sein muss: „In Erinnerung an das Risiko einer Eskalation rufe ich zu Zurückhaltung auf, um irgendwelche Taten zu verhindern, die ein noch tieferes Leid des syrischen Volkes vertiefen könnten.“

Eine Menge Baustellen

Die Genfer Verhandlungen über einen Frieden in Syrien mag Guterres‘ Beauftragter Staffan de Mistura leiten, doch den größten Einfluss auf (oder gegen) Syriens Präsident Baschar al-Assad haben die USA und Russland sowie regionale Mächte wie die Türkei und der Iran. Guterres versuchte aber immerhin, auf Reisen nach Saudi-Arabien, Katar, den Oman und der Türkei nach einer Lösung zu suchen und dabei auch die Konflikte im Jemen und in Libyen zu diskutieren.

Dabei warten zu Hause auf ihn noch ganz andere Baustellen. Die USA, die mit 28 Prozent des Budgets für Friedenseinsätze den größten Beitrag zum sogenannten Peacekeeping zahlen, erwägen den vorsichtigen Rückzug. Deren UN-Botschafterin Nikki Haley schacherte erst kürzlich darum, die weltweit größte und teuerste Blauhelm-Mission der Vereinten Nationen im Kongo einzudampfen - mit Erfolg.

Auch bei weiteren der 16 UN-Missionen, von denen China und Japan je 10 und Deutschland und Frankreich je 6 Prozent zahlen, könnten die USA den Rotstift ansetzen. Der Generalsekretär muss den Spagat üben, die UN wie versprochen zu verschlanken und Bürokratie abzubauen, ohne dabei wichtige Hilfen für die jeweiligen Regionen zu kappen.

„So bald wie möglich“ Trump treffen

So gesehen wäre ein Treffen für Guterres noch wichtiger gewesen als die Begegnung mit Putin - mit dem Staatschef nämlich, der die 1945 gegründete Weltorganisation als "Club, in dem Leute sich treffen, reden und eine gute Zeit haben" bezeichnet hatte. Donald Trump heißt der Mann, Präsident der Vereinigten Staaten. „So bald wie möglich“ wolle er Trump treffen, sagte Guterres in Portugal Ende Dezember, nachdem er Putin begegnet war. 100 Tage nach seinem Start an der UN-Spitze scheint so ein Treffen noch immer nicht in Sicht.