LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Nobuko Yamaguchi über ihre Wurzeln und Zukunftspläne - Neuer häuslicher Pflegedienst im Aufbau

Ambitioniert, zielstrebig, rastlos, dynamisch, idealistisch? Die passende Beschreibung für Nobu Yamaguchi zu finden, ist nicht leicht. Mit vollem Namen heißt die Tochter eines Japaners und einer Luxemburgerin übrigens Nobuko. Übersetzt bedeutet das „Blume in der Blüte“. In der Blüte ihres Lebens steht die 23-Jährige zweifelsohne, komplett entfaltet hat sie sich aber noch nicht. Viel hat sie noch vor und nicht wenig schon erlebt.

Geboren in Luxemburg, verbrachte sie ihre ersten Lebensjahre dann aber in Japan. „Daran habe ich fast keine Erinnerung mehr“, sagt sie heute. Eingeschult wurde sie nämlich in Luxemburg. Japanisch spricht Nobu mittlerweile nicht mehr, sie kennt nur noch wenige Wörter, in der Familie wird Englisch geredet. „Als Kind habe ich mich tapfer auf Japanisch geschlagen, oder es zumindest versucht, weil ich einfach vom Luxemburgischen übersetzt habe. Japanisch ist eine sehr höfliche Sprache, das Luxemburgische eher grob. Mein Vater hat immer gesagt, ich würde wie ein Straßenjunge reden“, lacht die junge Frau, die sich „total luxemburgisch“ fühlt. „Manchmal, wenn ich nach einem langen Tag in den Spiegel schaue, bin ich erstaunt, dass eine Asiatin zurückblickt“, erzählt sie und bricht erneut in Lachen aus.

Last-Minute-Entscheidung nicht bereut

Inzwischen arbeitet Nobu als Krankenpflegerin in der
„Clinique d’Eich“. Dabei war dies eigentlich nie ihr erster Berufswunsch. „Ich wollte immer Lehrerin werden und dann irgendwann nach Afrika gehen, um dort zu unterrichten. Nach einem Praktikum in einer Kindertagesstätte musste ich mir aber eingestehen, dass mir die Arbeit mit Kindern doch nicht so liegt“, gibt die 23-Jährige zu und schmunzelt. Die Ausbildung zur Krankenpflegerin sei in der Tat eine Last-Minute-Entscheidung gewesen, die sie aber nicht bereut habe, obwohl sie sich vorher nie richtig mit dem Berufszweig auseinander gesetzt hatte. „Mein Vater ist Masseur, macht traditionell japanische Medizin. Homöopathie spielt bei meiner Mutter eine große Rolle. Westliche Medizin war in unserer Familie eigentlich nie ein Thema. Ich muss zugeben, dass es anfangs nicht leicht in dieser neuen Schule war. Ich war sehr verkrampft. Die Schule hat mich in gewisser Weise geformt und das meine ich absolut nicht negativ, sondern im guten Sinn“, betont Nobu.

Noch nicht angekommen

Im Jahr 2012 hatte sie ihr Diplom schließlich in der Tasche. Ihr Wissensdurst, wenn man so will, war damit aber noch nicht gestillt. Sechs Monate nachdem sie ihren ersten Arbeitsvertrag unterzeichnet hatte, nahm sie ein Fernstudium in Angriff. Bachelor im Pflegemanagement heißt der Studienzweig, der über die Hamburger Fernhochschule angeboten wird. Auf die nötige Unterstützung ihrer Arbeitskollegen und der Chefin konnte sie dabei immer zählen. „Ein Fernstudium ist an sich eine praktische Sache, weil man eben keine Kurse besuchen muss, sondern nur Klausuren schreibt. Momentan steht ‚Betriebswirtschaftliches Denken‘ auf dem Lehrplan“, erklärt die ambitionierte Frau. Nach Abschluss des Studiums könnte sie rein theoretisch Leiterin eines häuslichen Pflegedienstes werden, - was uns zum eigentlichen Thema bringt. Die 23-Jährige hilft gerade dabei, einen neuen häuslichen Pflegedienst namens „Alive“ aufzubauen. Der Zufall hat sie zu diesem Projekt gebracht. Den Initiator, Gaston Altmeisch, hat sie nämlich im Fitnessstudio kennengelernt.

„Alive“ soll ein kleines Pflegedienstnetz bleiben

„Gaston Altmeisch ist ein genialer Typ, der neben seinem Krankenpflegerdiplom noch etliche andere Diplome hat und praktisch schon in allen Ländern Europas gearbeitet hat, oft auf Palliativstationen. Er hat auch eine Zeit lang in den USA gelebt. Zurück in Luxemburg stellte er fest, dass es überall bessere Systeme gab als hier“, erzählt Nobu, die sich zwar schwer damit tut, andere Pflegedienste offen zu kritisieren, dass „Alive“ aber ganz anders sein soll, ist ebenso deutlich. „Alive soll bewusst ein ganz kleines Pflegedienstnetz bleiben. Nur so kann man die Übersicht über die zu betreuenden Kunden behalten. Gesundheitskasse und Pflegeversicherung rechnen aus, wie viel Leistung einem Patienten sozusagen zusteht, bzw. wie viel Zeit der Pflegedienst pro Person aufwenden kann. Nun ist es aber so, dass 20 Minuten nicht immer ausreichen, um eine betroffene Person beispielsweise zu waschen oder sie darin zu unterstützen, es selbst zu versuchen. Es ist sehr wichtig, die Autonomie des Menschen, der die Pflege benötigt, zu bewahren, deshalb werden wir uns mehr Zeit nehmen, auch wenn wir nur für 20 Minuten bezahlt werden. Das kann aber nur funktionieren, wenn wir nicht zu viele Kunden haben. Die Rechnung wird trotzdem am Ende aufgehen“, zeigt sich Nobu zuversichtlich.

Eine breite Palette an „Extras“

„Alive“ wird daneben eine breite Palette an weiteren Leistungen anbieten, so etwa Aromatherapie, Relaxologie, Massotherapie, organisierte Ausflüge, medizinische Fußpflege sowie Verkauf und Verleih von Pflegematerial, um nur einen Teil des Angebots zu nennen. „Oft werden Kleinigkeiten vergessen, wenn es um pflegebedürftige Menschen geht. Das beginnt beim Gassigehen mit dem Hund. Unsere Philosophie gründet im Holismus, wir sehen den Menschen in seiner Ganzheit und nicht nur seine Krankheit. Der Mensch darf nicht nur als Pflegefall gesehen werden, sondern muss als Individuum respektiert werden. Heute muss alles schnell gehen. Früher hat die Familie ihre Angehörigen betreut, da aber die familiären Strukturen immer mehr verloren gehen, muss zumindest das Soziale in sozialen Berufen erhalten bleiben. Wir wollen beweisen, dass es auch sozial geht“, erklärt die
dynamische Krankenpflegerin. Wichtig sei es auch, den Patienten bezüglich seiner Rechte und ihm zustehenden Leistungen aufzuklären. „Es ist alles sehr kompliziert“, gibt die 23-Jährige zu bedenken. Bei „Alive“ soll deshalb auch jeder Patient mit seiner ‚infirmière de référence‘ eine direkte Bezugsperson haben, die den Überblick über seine Akte behält und eine Beziehung zum Kunden aufbauen kann. Kaum umsetzbar sei diese Idee natürlich, wenn die Anzahl der Patienten zu hoch ist und gleichzeitig Personalmangel besteht.

Zehn bis zwölf Kunden in einer ersten Phase

Zehn bis zwölf Patienten will der neue Pflegedienst am Anfang von fünf Mitarbeitern betreuen lassen. Im März soll es losgehen. Räumlichkeiten sind bereits in Esch/Belval gemietet, die Fahrzeuge geleast und das Personal soweit gefunden. Nobu ihrerseits arbeitet in ihrer Freizeit an den Patientenakten. „Die Idee hat mich sofort inspiriert und berührt, obwohl ich Gaston gar nicht kannte. Ich will Teil davon sein, weil ich später auch einmal korrekt gepflegt werden will“, sagt sie abschließend.


In rund zwei Wochen wird die Internetseite des neuen Pflegediensts www.alive.lu abrufbereit sein. Für Fragen steht Gaston Altmeisch
bereits jetzt unter der Telefonnummer 661 667 669 zur Verfügung