ESCH/ALZETTE
DANIEL OLY

Im „Jumper“ für mehr Gerechtigkeit - Taina Bofferding stellt neue Jugendkampagne vor

So ein Studium ist aber nur was für Mädchen! Und wo ist bitte der starke Mann, der mir kurz tragen hilft? Der Mann im Haus verdient das Geld, und das Heimchen bleibt gefälligst am Herd. So was ist doch nichts für echte Kerle, und eine Frau tut so etwas nicht - heul doch nicht, du wirfst, gehst und prügelst dich halt wie eine kleine...

Geschlechterspezifische dumme Sprüche gibt es wie Sand am Meer. Höchste Zeit, mit ihnen ein wenig aufzuräumen. Dafür will das Chancengleichheitsministerium (MEGA) und Ministerin Taina Bofferding direkt an der Basis ansetzen: Bei der Jugend. Angedacht sind daher zwei Projekte, die am gestrigen Montag offiziell vor den Toren des Lycée Hubert Clement in Esch/Alzette eingeweiht wurden. „Uns ist es wichtig, mit den jungen Mitbürgern zu interagieren und über dieses Thema zu sprechen“, meinte Ministerin Bofferding.

Festival und Tourbus

Angereist ist sie dafür mit dem „Megajumper“: Mit diesem farbenfrohen Bus will das Ministerium durch das ganze Land touren, um in den Sekundarschulen über das Thema alltägliche Ungerechtigkeiten und Chancengleichheit zu sprechen. „Wir haben hierzulande zwar das Glück, dass wir sehr gute Gesetze und Richtlinien und eine eher fortschrittliche Gesellschaft haben, aber noch ist nicht alles genau auf dem Stand, den wir uns wünschen“, meint die Ministerin.

Potenzial sieht sie dabei vor allem bei der Jugend. „Wir wollen diese Themen diskutieren und mit euch ins Gespräch kommen“, meinte sie zu einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die für die kurze Vorstellung vom Unterricht freigestellt worden waren. „Mit dem ,Megajumper‘ sind wir näher dran an der echten Welt und können in lockerer Atmosphäre Meinungen austauschen.“ Und davon gab es bereits gestern reichlich. Etwa über Schimpfwörter: „Warum werden geschlechterspezifische Wörter wie ,Hure‘ noch immer so häufig verwendet, wenn man wütend ist und mit einem Mädchen schimpft“, meinte etwa eine Schülerin unter reger Zustimmung. Eine andere klagte über fixe Geschlechterrollen bei der Berufswahl; ihre Schwester habe Elektrikerin werden wollen - eine „untypische“ Berufswahl für ein Mädchen. „Warum kann nicht jeder tun, was er möchte?“ Sehr „untypisch“ auch die Berufswahl eines Jungen - er möchte Vorschullehrer werden. Aber: Alle Schülerinnen und Schüler geben an, von ihren Eltern und ihrem Umfeld keine besonderen Vorgaben zu erhalten.

Eine weitere Maßnahme wird das „Rock de Rack“-Festival sein, das am 17. Oktober stattfinden wird. „Ein ganz klares Jugendfestival - für die Jugend, mit der Jugend“, erklärt die Ministerin. „Am Abend spielen die Gewinnerinnen oder Gewinner des ,Screaming Fields Song Contest‘ mit ihren Songs auf.“ Zur Erinnerung: Dieser Songwettbewerb, der sich ja auch direkt an junge Künstler richtet, steht in diesem Jahr auch unter dem Stern der Chancengleichheit. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum fir politesch Bildung und dem Jugendparlament wird es zudem Workshops und Diskussionsrunden zuhauf geben. „Wir wollen raus aufs Terrain und mit den Menschen über unser Thema sprechen“, fasste Bofferding ein letztes Mal zusammen. „Wir sind uns nämlich sicher: Die Jugend interessiert sich sehr wohl für dieses Thema.“

Daneben wird es im Lycée Hubert Clement wie auch in vielen anderen Schulen eine neue Ausstellung geben, die sich mit der Geschichte der Chancengleichheit im Großherzogtum beschäftigt. „Das soll auch in ausgewählte Gemeinden, die an der Thematik interessiert sind, kommen“, meint Bofferding. „Ich weiß, Geschichte ist nicht unbedingt das spannendste Fach - es war nie eins meiner Lieblingsfächer - aber wir haben versucht, es so informativ und verständlich wie möglich zu halten.“ Ein Blick könnte sich also lohnen.

Lohnen soll sich auch der letzte Planpunkt, der gestern vorgestellt wurde: Eine Bürgerbefragung, die sich eben nicht nur an die Jugend, sondern an alle Mitbürger richtet, und die es erlaubt, anonym über das Thema der Chancengleichheit zu sprechen. „Es ist eine Chance, sich über gefühlte oder reale Ungerechtigkeiten auszutauschen und direkt mit uns zu kommunizieren“, meinte sie - auch an die anwesenden Schülergruppen gerichtet. Nur auf Grundlage dieses Wissens könne wirklich etwas bewegt werden. „Und wir können ja nicht immer alles den Alten überlassen.“

Zuvor hatte Direktor Jean Theis bereits darauf hingewiesen, wie eng das Verhältnis seines Lyzeums zu den Themen der Chancengleichheit geschnürt ist. „Wir hatten hier einen anregenden Austausch zum Thema der Geschlechteridentitäten und sind deshalb stolz darauf, diese Ausstellung beherbergen zu können“, meinte er - auch mit Blick auf die zahlreichen politisch engagierten Frauen, die aus dem früheren „Meedechers-Lycée“ in Esch hervor gegangen sind: „Astrid Lulling, Lydie Polfer, oder eben auch Taina Bofferding, haben hier die Schulbank gedrückt“, erklärte er. Die Verbindung sei aber auch eine doppelte: „Vor hundert Jahren mussten die Mädchen darum kämpfen, überhaupt zur Schule gehen und dasselbe lernen zu dürfen“, meinte Theis. „Daran sollte man sich dann und wann erinnern, gerade wenn es am Montagmorgen etwas schwer fällt, in die Pötte zu kommen.“ Recht hat er.

Mehr Informationen zu den beiden Kampagnen unter #equalitymatters und #megajumper sowie bei der Online-Umfrage unter cawi.quest.lu/public/mega und unter www.rockderack.lu