LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Weltschlaganfalltag: die Opfer fordern dringend ein Nachsorgezentrum

Im Durchschnitt erleiden täglich vier Personen in Luxemburg einen Schlaganfall. Übers Jahr gesehen macht das also 1.400 Opfer, davon sind Dreiviertel Erstbetroffene. Von den Überlebenden sterben rund 29 Prozent nach einem Jahr, 25 Prozent werden zu Pflegefällen und 46 Prozent finden wieder zu einem einigermaßen normalen Leben zurück. Einigermaßen, denn nach einem Schlaganfall ist – und bleibt – alles anders. Wie man damit umgeht – als direkt Betroffener aber auch als Angehörige – stand gestern Nachmittag im Zentrum einer Veranstaltung der Blëtz asbl, der Vereinigung der Schlaganfallopfer in Bettemburg, im Rahmen des Weltschlaganfalltags, der seit 2006 am 29. Oktober begangen wird.
Dabei zog zunächst Präsidentin Chantal Keller eine Bilanz der Arbeit in den vergangenen Monaten und lobte die gute Zusammenarbeit mit Kliniken und Rettungsdiensten. Sie wünschte sich indes mehr Mittel für die „Stroke Units“ in den Spitälern und den Aufbau eines Nachsorgezentrums für Schlaganfallopfer, in dem sie sich Rat und Tat für alle Lebenslagen suchen könnten. „Jeder muss das Recht auf Rehabilitation und auf Nachsorge haben“, unterstrich die Präsidentin, die selbst einen Schlaganfall erlitt. Es müsse auch mehr zum Thema geforscht werden.

Chantal Keller, die sich auch mehr finanzielle Unterstützung für die Blëtz asbl wünscht und eine Restrukturierung der mit einem sehr kleinen Team funktionierenden Vereinigung herbeisehnt, appellierte abschließend an die Ehrenamtlichen, sich noch mehr zu engagieren.

„Kein Luxus“

„Ein Nachsorgezentrum ist kein Luxus, wenn wir wirklich eine inklusive und gerechte Gesellschaft schaffen wollen“, meinte die Bettemburger Schöffin und Grünen-Abgeordnete Josée Lorsché in ihrem Grußwort, in dem sie versprach, sich dafür einzusetzen, dass es schnell mit diesem Vorhaben, das bereits im Koalitionsvertrag steht, vorangeht.

Wie es um Nachsorge und Forschung im Schlaganfallbereich steht, erläuterte anschließend Dr. Jean-Claude Schmit, der Leiter der Gesundheitsbehörde. Er stellte fest, dass sich das Netzwerk für die Akutbehandlung beständig verbessere und sagte, das Spitalgesetz sehe ohnehin eine internationale Akkreditierung der „stroke units“ vor und das bedeute auch mehr Personal für diese Einheiten. Die Nachsorge müsse in das Kompetenzennetzwerk rein, die Frage sei aber wie man das mache, ob man bestehende Strukturen, wie die Rehazentren, weiter entwickle oder ein neues Institut mit einem spezifischen Statut schaffe.

„Plan national des maladies cardio-neuro-vasculaires“ vor Jahresende im Regierungsrat

Das müsse alles noch diskutiert werden. Schmit bedankte sich auch für die Mitarbeit der Blëtz asbl am „Plan national des maladies cardio-neuro-vasculaires“, der derzeit den Ministern für Gesundheit und Sozialversicherung vorliege und noch vor Jahresende vom Regierungsrat begutachtet werden soll. Dr. Schmit wies darauf hin, dass diese Krankheiten jährlich rund 1.300 Menschen in Luxemburg das Leben kosten - das sind 30 Prozent der Todesfälle insgesamt und man auf die Risikofaktoren einwirken können. Auch in puncto Forschung gibt es Neues: Der Staatshaushalt 2020 sieht nämlich eine Reihe von Posten für „cliniciens-chercheurs“ vor. Fachkräfte, die einen Teil ihrer Zeit in den Kliniken der Forschung widmen können, seien ein Novum für Luxemburg. Als weitere Gäste konnte die Blëtz asbl neben Dr. Monique Reiff, der Leiterin der Neurologie im CHL, auch Dr. Markus Wagner begrüßen, Senior-Experte der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, der vorrangig über die Tätigkeiten der „Stroke Alliance for Europe“ (SAFE) berichtete. Für ihn ist nicht nur der Austausch zwischen Schlaganfallspezialisten und -forscher, sondern auch die Vernetzung und Professionalisierung der Patientenorganisationen ein kapitales Anliegen. Das ist auch die Kommunikation über den Schlaganfall, eine Problematik, die mit der fortschreitenden demografischen Alterung zunehmen wird. Wagner bezifferte die finanzielle Last der Schlaganfälle für die öffentlichen Gesundheitssysteme in Europa übrigens auf mehr als 45 Milliarden Euro.

Der Nachmittag klang besinnlich aus: Mit der Uraufführung des Liedes „Verstees de mech“ der Autorin und Musikerin Claude Muno durch sie selbst und Remo Cavallini. Ein ergreifender Moment, denn das Werk beruht auf den Erfahrungen, welche die Autorin in ihrem engen Familienumfeld mit einem Schlaganfallopfer machen muss.