PARIS
CHRISTIAN SPIELMANN

„Splendeurs et misères - Images de la prostitution 1850-1910“ im Musée d’Orsay

Im Jahr 1977 wurde auf Initiative des französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing der alte Pariser „Gare d’Orsay“, der nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegt wurde, in ein Kunstmuseum umgebaut, das 1986 eröffnet wurde. Zurzeit ist hier eine äußerst interessante Ausstellung über die Prostitution in Paris zwischen den Jahren 1850 bis 1910 zu sehen, die erste überhaupt in diesem Ausmaß.

Vielschichtige Prostitution

Die Prostituierten in Paris hatten viele Namen. So wurden die Straßendirnen „pierreuses“ genannt und jene, die in öffentlichen Plätzen auf Kundensuche gingen, „filles en carte“ oder „insoumises“. In den damaligen Frauen-Brasserien nannte man die Mädchen, welche die Männer zum Trinken während der „Heure de l’absinthe“ anregen sollten, „verseuses“, während Kurtisanen ihre Kundschaft in luxuriösen Hotels empfingen. Gewöhnliche Mädchen, die in Bordellen arbeiteten, waren als Pensionärinnen bekannt. Die Prostitution hatte viele Facetten, und oft waren die professionellen Dirnen nicht von Arbeiterinnen zu unterscheiden, die ihren spärlichen Lebensunterhalt mit bezahlter Liebe aufbessern wollten.

Speziell in der Zeit zwischen dem „Second Empire“ und der Belle Epoque, also etwa von 1872 bis Ende des 19. Jahrhunderts, war die Prostitution ein beliebtes Thema bei den Künstlern, sei es Malern, wie Henri de Toulouse-Lautrec, Edgar Degas und Jean-Louis Forain, oder Karikaturisten und Zeichnern, wie dem Belgier Félicien Rops oder Théophile-Alexandre Steinlen. Auch Fotografen machten Schnappschüsse von den leichten Mädchen oder knipsten sie gar bei der Arbeit. Später nahm sich auch das neue Medium Film dem Thema an, und so kann man in einem Raum im Museum Pornofilme und -fotos vom Anfang des 20. Jahrhunderts sehen. Daher wurde das im Umschwung befindliche Paris von vielen als das neue Babylon angesehen und von anderen als „Ville Lumière“. Auf der Strecke blieb die Frau, als dem Manne gleich gestellt. Sie war entweder Mutter und Hausfrau oder Strichmädchen, aber immer nur das Objekt der Begierde des Mannes. Rechte hatte sie keine.

Faszinierende Mischung

Viele unbekannte Details über die Prostitution in der französischen Hauptstadt erfährt man in der Ausstellung, wie zum Beispiel, dass die Oper ein Treffpunkt für Dirnen und reiche Liebhaber war. Zuerst traf man sich in der alten Oper in der Rue Le Peletier, dann in der neuen im Palais Garnier. Dieses Thema wurde von unter anderem den Malern Henri Gervex, Eugène Giraud und Edouard Manet illustriert. 1804 wurden die Bordelle legalisiert und unter polizeiliche und medizinische Kontrolle gestellt, um die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern. Den Straßenmädchen war es nicht gestattet, bei Tageslicht auf Kundenfang zu gehen. Erst nachdem die Straßenlaternen angezündet waren, der sogenannten „Heure du gaz“, konnten sie ihrem Beruf nachgehen.

Die Geschichte der Prostitution wird durch 410 Werke dargestellt, unter anderem noch auf Bildern von Vincent Van Gogh, Edvard Munch, Paul Cézanne, Louis Anquetin oder Pablo Picasso, und Accessoires aus den Bordells, wie einem Liebesstuhl, auch noch „Chaise de volupté“ genannt. Ob man so fasziniert von der Prostitution wie damals Toulouse-Lautrec das Museum verlassen wird sei dahin gestellt, aber die Hintergründe dieses Gewerbe kennt jeder Besucher nun besser als zuvor. Im Museum kann man eigentlich Tage verbringen, wenn man sich alles ansehen will, und es ist ratsam, zeitig anzustehen, denn bei rund 10.000 Besuchern am Tag (außer montags), kann die Warteschlange oft sehr lang sein.


Alle weiteren Informationen

unter www.musee-orsay.fr.