„Was wisst ihr denn schon vom Krieg?“. Von meiner Generation hat fast niemand eine Ahnung von dem, was es bedeutet, zwischen Granatsplittern und Artilleriefeuer die Kindheit zu verbringen, die schnell, von heute auf morgen, ihr jähes Ende finden kann, wenn die Besatzungsmacht an die Tür klopft und einen forsch bittet, doch sein Blut für die Ideologie eines Größenwahnsinnigen aus Braunau zu vergießen. „Was wisst ihr schon vom Krieg?“ Nichts. Eine rein rhetorische Frage, wird sie von Weltkriegsüberlebenden so oder so ähnlich formuliert und an U50-Jährige gestellt. Unsere Mütter und Väter ihrereseits mussten noch mit den Nachwehen des Zweiten Weltkrieges klarkommen: Zerstörte Dörfer, oder Familienmitglieder, die nach der Neuaufteilung Europas aus den Gefangenenlagern zurückkamen.
Nein, ich weiß nicht, wie sich Krieg anfühlt, was es heißt, nach Monaten in seine Heimat zurück zu kehren, in eine Heimat, die nur noch geringe Ähnlichkeit zu jenem Ort aufweist, den man einst in Richtung Front verlassen hat. Mit dem Gefühl der omnipräsenten atomaren Bedrohung waren wir als junge Pennäler allerdings schon eher vertraut. Es wäre absolut unsinnig, die Bedrohung, die von einem so genannten Kalten Krieg ausgeht mit jener zu vergleichen, der unsere Vorfahren während des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt waren. Dennoch möchte ich erstere nicht herunterspielen und kann ihr sogar etwas Positives abgewinnen. Das damals allgegenwärtige Risiko eines Kriegsausbruchs machte einem jeden von uns Tag für Tag deutlich, dass es nur weniger Funken bedurfte, um ein Pulverfass zur Explosion zu bringen. Und dass der in den Jahren 1940 bis 1945 mühevoll erkämpfte Frieden sich binnen Sekunden in eine Atomwüste hätte verwandeln können. Heute werde ich das Gefühl allerdings nicht los, dass sich die luxemburgische Gesellschaft nach dem Mauerfall im kleinen europäischen Märchenschloss eingenistet hat und in den noblen Gemächern den Dornröschenschlaf der Unfehlbaren schläft. Stellen Sie sich vor es ist Krieg und niemand will es mitkriegen.
Der Durchschnittsbürger interessiert sich heute nicht für Putin, es sei denn, er würde den Gashahn abstellen. Und IS, diese Samuraikämpfer aus der Wüste, die perverse Köpfungsvideos durch die Welt schicken? Alles nur eine Inszenierung Hollywoods unter der Regie von Barack Obama - kein Witz, diese Theorie wollte mir jüngst jemand andrehen.
Die Luft wird heute von weit mehr Kugeln durchlöchert als dies vor der Wende der Fall gewesen ist. Dessen werden wir uns aber erst dann bewusst, wenn wir irgendwann das Blei schlucken müssen.
Für das Kollektivgejammer, eine Disziplin, in der wir alle Europameister sind, ist es dann zu spät. Es wäre angebracht, jetzt Lösungen für jene Probleme zu suchen, die vor den Toren Europas stehen und keineswegs zweimal klingeln, um Eintritt gewährt zu bekommen. Der Dornröschenschlaf, der frei von Albträumen ist, dauert schon zu lange.
Noch kann das Aufwachen nur schmerzhaft sein, irgendwann ist es vielleicht dann tödlich.


