Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass der pawlowsche Reflex nicht nur bei Hunden existiert. Kaum redet jemand von der Piratenpartei über ein beliebiges Thema, schon wird von „Politik spielen“ geredet. Die spöttische Note konnte ich nie nachvollziehen, aber mein Spielbegriff ist sowieso ernster, bezieht er sich auf eine gewisse experimentelle Dimension, bei der sehr interessante und konstruktive Ideen zusammen kommen können.

Um konstruktive Ideen dreht sich bei den Piraten in Luxemburg momentan alles, denn über mehr als 300 Vorschläge soll abgestimmt werden. Darunter sind auch solch Gedankenspielen wie anonyme Bewerbungen und die Einführung eines dritten Geschlechts zu finden. Die nationalen Medien ließen sich in Angesicht dieser sozialen Themen nicht beirren und die Internet-Partei mal wieder Internet-Partei sein gelassen. In die Karten gespielt haben die Piraten den Beobachtern dabei schon, denn der Wahlspruch „Reboot Luxembourg“ ist nun einmal in der Nerd- und Geekkultur verankert.

Das Wort „Reboot“ ist dabei gar nicht so harmlos, wie man das gerne annehmen könnte, verstecken sich hier zahlreiche Bedeutungen, die sich, je nach Interpretation schon mal stark wiedersprechen können und kein solch rosiges Bild zeichnen. Angedacht wird das ganze als Gleichnis mit einem fehlerhaften Computersystems, das einen Reboot, also einen Neustart, nötig hat, damit man Probleme, in etwa Bugs, besser bereinigen kann. Nur welche Art des Neustarts es sein soll, ist dabei eine ganz andere Frage. Ohne zu sehr in technische Details zu gehen, gibt es bei Computern zwei Arten des Neustarts: der kalte oder der warme Neustart. Der Unterschied ist die Stromversorgung, die bei einem kalten Neustart für einen Moment komplett gekappt wird, damit ein Initialstart möglich ist. Dabei gehen dem Gedächtnis Informationen flöten. Der warme Reboot ist vergleichsweise sanft, bleibt das Gedächtnis dabei erhalten.

In diesem Sinne hat dann auch die Populärkultur den Begriff des „Reboots“ übernommen und sorgt seitdem bei vielen Kritikern für Angst und Schrecken, gelegentlich auch schon mal Panikattacken, etwa wenn ein Reboot von „Starship Troopers“ angekündigt wird. Kein Wunder, dass Hollywood sich in das Konzept verliebt hat, erlaubt es doch, alten Stoff aufzuwärmen ohne wirklich viel kreative Energie rein zu stecken. Dann kann die gesamte Kontinuität einer alten Film- oder Fernsehserie über Bord geworfen und neu erfunden werden. Persönlich möchte ich immer noch eine Entschuldigung von Marc Webb für „The Amazing Spider-Man“. Die 136 Minuten meines Lebens kann mir keiner zurück geben! Apropos Comics, der Verlag DC-Comics hat 2011 alle Serien rebootet. Mit gemischtem Erfolg.

Das zeigt, dass Reboots in der Populärkultur sowie der Politik manchmal doch sehr unnötig sind. Der Begriff irritiert in seiner politischen Dimension. Die Absicht, frischen Wind in die Politik zu bringen, ist unterstützenswert, aber so ein Neustart kann vieles, etwa das Gedächtnis, beschädigen und Probleme bleiben ungelöst. Drum lautet meine Schlussfrage für die Piraten: Kalt oder warm, was darf es sein?