NEUNKIRCHEN
CHRISTIAN SPIELMANN

Die Geschichte von Marie Juchacz im Musical „Meine Herren und Damen: Marie!“

Das Musical Projekt Neunkirchen zeichnete sich in den letzten Jahren durch Eigenproduktionen aus, wie das Musical „Steam“, oder mit der Inszenierung von bekannten Shows, wie „The Producers“. In Zusammenarbeit mit dem AWO (Arbeiterwohlfahrt) Landesverband Saarland wurde ein ehrgeiziges Projekt über das Leben der Gründerin der AWO Marie Juchacz auf die Beine gestellt. Schauspieler und Regisseur Holger Hauer schrieb das Buch zu „Meine Herren und Damen: Marie!“. Die Recherchen zum Leben der geborenen Marie Gohlke (1897 – 1956) erwiesen sich als nicht einfach. So war Marie mit dem Schneidermeister Bernhard Juchacz verheiratet, und das Paar hatte zwei Kinder. Was aber aus dem Mann nach der Scheidung 1906 und den Kindern wurde, konnte Hauer nicht herausfinden. Somit ist das Musical keine historische Bestandsaufnahme, da eben zu viele Details fehlen. Es geht in der Hauptsache um die sozialen Ungerechtigkeiten zwischen Mann und Frau, für deren Beseitigung Marie kämpfte. Die Musik komponierten Francesco Cottone und Amby Schillo, und der gebürtige Neunkirchner Musical-Darsteller Matthias Stockinger führt Regie in der Neuen Gebläsehalle, wo am Freitag die Weltpremiere über die Bühne ging.

Zwei engagierte Schwestern

Während des Ersten Weltkriegs arbeiten Marie (Nina Sepeur) und ihre Schwester Elisabeth (Hannah Neumann) in der Schneiderfabrik von Lehmberger (Marc Schweig). Marie ist nicht mit den unmenschlichen Arbeitsbedingungen von täglich 12 Stunden Arbeit einverstanden und streitet mit dem Vorarbeiter Edelmann (Niels Hollendiek). Doch diesem sind die Hände gebunden, ist doch Krieg und die Fabrik stellt die Uniformen für die Soldaten des Kaisers her. Während Lehmberger und seine Frau Hiltrud (Solveig Bronder) pompöse Partys feiern, kocht Maries Mutter (Simone Georg) ständig Kohlrüben. Marie ist empört, dass die neunjährige Lotte (Alva Kist) in der Fabrik arbeiten muss, weil das Geld nicht reicht, und dass Kinderarbeit von den Lehmbergers zugelassen wird. Zusammen mit ihrer Schwester und anderen Frauen versucht sie, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Elisabeths Mann Karl (Tobias Sascha Schmitt) besucht abends ein Bordell, wo er Paula (Michelle Ebert) trifft. Da sie sich ihm verweigert, schlägt er sie zusammen. Der Krieg ist endlich aus, und die Leute können aufatmen. Die Lebensbedingungen verändern sich jedoch kaum. Als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, wird Marie mit 36 anderen Frauen in die Nationalversammlung in Weimar gewählt. Vor dieser Versammlung hält Marie als erste Frau überhaupt eine Rede, die mit „Meine Herren und Damen“ beginnt.

Ideenreich

Die konsequente Inszenierung von Stockinger besticht gleich am Anfang. Auf der Bühne stehen jeweils unten und auf einer überhöhten Etage acht Kästen. Unten leben die einfachen und oben die reichen Leute. In fast jedem Kasten sitzt ein Schauspieler oder eine Schauspielerin, die alle strikt nach den Anweisungen des Regisseurs agieren. Soldaten marschieren am Rand der Bühne, während die Schneiderinnen in der Mitte mit kleinen Schritten tanzen - eine interessante Tanzvariante von Choreografin Ellen Kärcher. Die Musik variiert von leisen Tönen bei „Das kalte Herz“ oder „Wir“, bis zum Charleston-angehauchten „Mitten in Paris“ oder dem ironischen „Des Kaisers neue Kleider“. Melodiös und hoffnungsvoll klingt „Der Sonntag ist uns heilig“. Die Musik gefällt und passt sich den jeweiligen Stimmungen an.

Nina Sepeur hat keine Bühnenerfahrung! Und dennoch spielt und singt sie Marie mit viel Energie und Gefühl. Hannah Neumann harmoniert komplett mit ihr. Auch Michelle Ebert überrascht als Paula, und ihr Lied „Ich wollt‘ eine Zirkusprinzessin sein“ ergreift im Zusammenhang mit dem Übergriff von Karl Auch wenn den allermeisten Lesern der Name Marie Juchacz kein Begriff sein wird, sollte sich niemand davon abhalten lassen, sich dieses äußerst gelungene Musical anzusehen.

Weitere Vorstellungen in der Neuen Gebläsehalle Neunkirchen sind am 13., 14., 16. und 17. August um 20.00 sowie am 11. und 18. um 18.00; Informationen und Tickets unter www.musicalprojekt-neunkirchen.de.