LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Nestlé startet eine neue Kampagne - zeitgleich steht der Konzern in Vittel wegen nicht autorisierter Wasserentnahme und der Senkung des Grundwasserspiegels in der Kritik - Umweltverbände klagen

Ein Marienkäfer fliegt glücklich durch den Wald, Bienen haben Freude beim Bestäuben und ein Eichhörnchen legt einen sportlichen Sprung hin, um die Nuss ins Nest zu bringen: Die neuen Spots des Lebensmittelgiganten Nestlé sollen vor allem eines zeigen: Die Natur der Vogesen. Denn sie werben für Vittel. Gleichzeitig gibt der größte Lebensmittelkonzern der Welt bekannt, 20 Millionen Euro in eine neue Abfüllanlage in Vittel sowie in Maßnahmen für die Umwelt und die Gesellschaft zu investieren.
Die Ankündigung kommt wohl nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, zu dem Nestlé wegen Vittel deutlichst in der Kritik steht. Der Konzern, der die Traditionsmarke Vittel im Jahr 1992 gekauft hat, wurde Ende Juni von Umweltverbänden in Frankreich verklagt, meldete AFP. France Nature Environnement, Lorraine Nature Environnement und die Verbände des Wasserkollektivs88 werfen Nestlé Waters vor, seit 2007 mehr als zehn Milliarden Liter Wasser über neun Bohrlöcher in den Vogesen entnommen zu haben, die ihrer Meinung nach nicht in den Genuss der im Umweltgesetzbuch vorgesehenen präfektoralen Genehmigung kommen. „Die Verwaltung und das Unternehmen Nestlé Waters erkennen eindeutig das Fehlen administrativer Genehmigungen für die Wasserentnahme aus neun Bohrlöchern an, von denen 28 von dem multinationalen Unternehmen betrieben werden“, sagen die Verbände in einer Pressemitteilung.
Sie weisen darauf hin, dass „Nestlé Waters im Februar 2019 einen Antrag auf Regularisierung“ seiner Situation gestellt hat und sind überrascht, dass die Verwaltung dem Unternehmen bisher erlaubt hat, sein Mineralwasser abzupumpen und zu vermarkten. Die Standorte von Nestlé Waters in Vittel und Contrexéville produzieren 1,5 Milliarden Flaschen pro Jahr.
Die Umweltverbände werfen Nestlé weiter vor, so viel Wasser abzupumpen, dass die Gemeinden Wasser von anderen zukaufen muss und der Grundwasserspiegel in einer die Landwirtschaft gefährdenden Weise absinkt. Es fehlten jährlich rund eine Million Kubikmeter durch die Entnahme von Nestlé und weiteren Industrieunternehmen, so die Kritik. Weiter sehen die Umweltverbände die Nestlé-Tochter Agrivaire, die rund 10.000 Hektar Land aufgekauft hat und Auflagen für sauberes Wasser durchsetzt, als allmächtig und bevorzugt gegenüber den Landwirten an.

Grosser Arbeitgeber

Sophie Dubois, bei Nestlé Generaldirektorin für den Bereich Wasser in Frankreich, verweist auf den Umweltschutz und die Zusammenarbeit mit den elf Anrainergemeinden. Auch sei die Wasserentnahme seit 2010 um 38 Prozent gesunken. „Wir zahlen jährlich 13 Millionen Euro an Gemeinden und Gebietskörperschaften“, sagt sie, wohl wissend, dass Nestlé in der strukturschwachen Region ein Arbeitgeber mit einer starken Stimme ist. 900 Menschen arbeiten in der Abfüllanlage, weitere 4.000 Stellen sollen indirekt von Nestlé abhängen.
In Luxemburg liegt der Marktanteil von Vittel bei rund 25 Prozent, schätzt Philippe Fardel, der das Wassergeschäft des Konzerns im Benelux-Bereich verantwortet. „Auch San Pellegrino wird geschätzt.“ Beide Marken werden von Munhowen vertrieben. Doch im März 2020 hat die Brasserie Nationale mit „Lodyss“ ihr eigenes stilles Wasser herausgebracht. Noch dazu ist Rosport ein lokaler Konkurrent.
Die neue Kampagne wird hier nicht laufen. Aber Nestlé stellt einen weiteren Verkäufer ein. „Ohnehin ist das hier verkaufte Wasser von den Problemen nicht betroffen, das ist eine andere Quelle“, versichert Fardel. Dennoch sieht es nicht nach einem Sturm im Wasserglas aus, sondern eher nach einem Kampf um jeden Tropfen.