CONTERN
CORDELIA CHATON

Künstliche Intelligenz und automatische Fahrsysteme in der Realität - ein Besuch vor Ort

Die Kamera auf der Lenksäule hat den Fahrer fest im Blick und zeigt ihn auf einem großen Bildschirm an. Sie überprüft viele Daten: Schaut er auf die Straße? Hat er die Hände am Lenkrad und lenkt selbst? Verrät sein Lidschlag Müdigkeit?

Nein, der Fahrer ist hellwach und lächelt. Er heißt Andreas Steier und besucht den Sensorspezialisten IEE in Contern. Steier hat selbst fast 20 Jahre in der Entwicklung von Sensortechnologie bei IEE gearbeitet, bevor er im Herbst 2017 als Kandidat der CDU für Trier und Trier-Saarburg in den Deutschen Bundestag einzog. Jetzt ist er dort Berichterstatter für Künstliche Intelligenz und Mobilitätsforschung. Heute will er ein Modell präsentieren, an dem die Universität Luxemburg, die Universität Trier und das „Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz“ (DFKI) in Saarbrücken beteiligt sind.

Deutsch-französisches KI-Zentrum

Es geht um künstliche Intelligenz (KI) in Fahrzeugen. Steier will aber mehr. „Es soll ein deutsch-französisches Zentrum für künstliche Intelligenz gegründet werden. Ich will die Schiene weiterfahren, bei der die Großregion begünstigt wird“, betont er.

Künstliche Intelligenz in Fahrzeugen kennen die meisten. Als IEE 1989 als Startup anfing, ging es dabei vor allem um die Erkennung eines Passagiers: Sitzt jemand da? Ist es ein Kind oder ein Erwachsener? Mit solchen Systemen wurde der Sensorspezialist groß und hat mittlerweile über 300 Millionen Fahrzeuge ausgestattet.

Heute setzt IEE rund 500 Millionen Euro jährlich um und beschäftigt 4.000 Mitarbeiter. Andere Beispiele für KI im Fahrzeug der jüngeren Zeit und Zukunft sind Sitzmassagen bei Müdigkeit, Frischluftzufuhr bei Stress oder Spurkontrolle über das Lenkrad. Kritisch ist immer der Punkt automatisches Fahren. Anders als in den USA, wo es bereits Tote bei Tests gab, will kein Hersteller so etwas riskieren. Also wird mit Modellen gearbeitet, mit Algorithmen. Die bringen den Maschinen bei, was sie wissen sollen; mit Massen von Daten. „Das ist gar nicht so einfach“, schränkt Aloyse Schoos ein. Der „Chief Technological Officer“ (CTO) von IEE zeigt Stopp-Schilder, zunächst ganz normal, dann mit Farbflecken und Aufklebern. Das Problem: Jeder Mensch würde sie noch als Stoppschilder erkennen. Aber künstliche Intelligenz machte sie zu einem „Tempolimit 45 miles/hour“. Für Schoos ist KI ein altes Thema. „Seit den 80er Jahren hat sich nicht wirklich viel getan“, findet er. Der Unterschied zwischen Europa und den USA sei, dass hier auf riesige Datensätze zurück gegriffen werde, damit Maschinen lernen. In Contern kann IEE Regen, Schnee oder Bremsmanöver simulieren. Alles eine Frage der Algorithmen. Derzeit laufen am „Interdisciplinary Centre for Security, Reliability and Trust“ (SnT) der Universität Luxemburg drei Doktorarbeiten, die vom Wirtschaftsministerium unterstützt werden. Es hat an diesem Tag zwei hohe Beamte nach Contern geschickt. Anders als in Deutschland wird KI in Luxemburg von der Regierung unterstützt, freut sich Michel Witte, der CEO von IEE, der auch die CSV-Abgeordnete Octavie Modert begrüßt. Bei den SnT-Projekten geht es darum festzustellen, welche kritischen Situationen untersuchenswert sind.

Dabei kämpfen die Hersteller mit neuen Normen. So soll ISO 21448 mit dem Titel „Safety of the intended functionality“ Zulieferern verstehen helfen, was geliefert wird - ohne dass KI bei der Formulierung berücksichtigt wurde. Die Realitätsferne macht IEE und anderen das Leben schwer.

Der Druck auf die Branche steigt auch durch Unfälle und halbautomatische Systeme. Genau hier will das Forschungsprojekt, von dem Steier erzählt, ansetzen. Es geht um die Klassifizierung von Fahrerassistenzsystemen mit KI und wie man durch Algorithmen zu glaubwürdigen Modellen kommt. KI soll das alles schneller, preiswerter und sicherer machen. Am Ende soll der Nutzer - wenigstens ein bisschen - verstehen, wie es funktioniert. Die Praxis sieht eher so aus, dass kein Mensch hinter die Sensoren blickt, aber sie gern nutzt. Der Trend zu mehr Elektronik im Fahrzeug ist seit Jahren ungebrochen. Das von Steier angesprochene Forschungsprojekt ist eines von rund zehn, an denen IEE zurzeit mitarbeitet. Sie haben meist eine Dauer von drei bis fünf Jahren - und ein Problem: Es werden Mitarbeiter gesucht, die Spezialisten in der Sache sind. Witte selbst sucht in Tokio oder den USA.

Dort wurden offenbar auch Chinesen fündig. Denn wie diese Woche bekannt wurde, arbeiten rund 5.000 Mitarbeiter bei Apple an selbstfahrenden Autos. Das kam heraus, weil das FBI einen Mann festnahm, der zum chinesischen Elektroauto-Entwickler Xiaopeng Motors wechseln wolle und in großem Stil technische Dokumentation heruntergeladen hatte. Ihm wird Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen vorgeworfen. Das zeigt, mit welch‘ harten Bandagen gekämpft wird.

Witte hat manchmal das Gefühl, auf der Stelle zu treten. „Das DFKI in Saarbrücken und die Universität der italienischen Schweiz in Lugano, die auch einen Master in Künstlicher Intelligenz anbietet, sind führend in Europa und der Welt. Wir haben tolle Sachen und machen nichts daraus, weil wir zu vorsichtig sind. Derweil fährt Tesla vorne weg“, seufzt er und blickt zu Steier. Der ist berufsbedingt Optimist und setzt auf den nächsten Schritt. „Das Projekt hier ist ein hervorragendes Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Modellregion Saar-Lor-Lux“, betont er.