LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Welttag des Schlaganfalls: Chantal Keller, Präsidentin der „Blëtz a.s.b.l“, über ihren Weg

In Luxemburg erleiden täglich vier Personen einen Schlaganfall. Weltweit trifft es pro Jahr rund 15 Millionen Menschen, sechs Millionen überleben nicht. Der Schlaganfall ist nicht nur die dritthäufigste Todesursache, sondern gleichzeitig der Hauptgrund für körperliche Behinderungen. Viele Patienten sind lebenslang auf fremde Hilfe oder Betreuung angewiesen. Wurden auch in den vergangenen beiden Jahrzehnten große Fortschritte in der Notfallversorgung erzielt, so bleiben doch die Prävention und die Langzeitversorgung der Betroffenen besondere Herausforderungen. Unterstützung und Beratung bietet seit 2013 die „Blëtz a.s.b.l. - Lëtzebuerger Associatioun fir Betraffener vun enger Gehirverletzung“. Im Rahmen des heutigen Welttags des Schlaganfalls haben wir uns mit Präsidentin Chantal Keller unterhalten. Im Jahr 2007 erlitt sie selbst einen Schlaganfall und einen Herzinfarkt. Mit den Folgen kämpft sie teils immer noch. Warnsignale hat sie damals nicht ernst genommen. Heute weiß sie, dass bei einem Schlaganfall jede Sekunde zählt, denn: „Time is Brain“.

Welche Anzeichen haben damals auf den Schlaganfall hingedeutet, und warum haben Sie nicht reagiert?

Chantal Keller Ich hatte auf einmal kein Gefühl mehr im Arm. Das dauerte lediglich 30 Sekunden an. Da wir gerade im Urlaub waren und am nächsten Tag abreisen sollten, habe ich die größte Dummheit meines Lebens gemacht und bin nicht zum Arzt gegangen. Das könnte ich ja später in Luxemburg nachholen, habe ich mir leichtfertig gesagt. Als ausgebildete Krankenschwester hätte ich es besser wissen müssen. Das war abends gegen 22.00. Am nächsten Morgen konnte ich plötzlich nicht mehr sprechen und war von einem Moment auf den anderen gelähmt. Kurze Zeit später fiel ich ins Koma. Wäre ich bei den ersten Warnsignalen sofort ins Krankenhaus gegangen, hätten schlimme Folgen verhindert werden können.

Sie konnten sich trotzdem zurück ins Leben kämpfen?

Keller Ja, das hat aber fünf Jahre gedauert. Die Prognose war anfangs alles andere als ermutigend: Die Ärzte gaben mir nur eine fünfprozentige Überlebenschance. Falls ich überleben würde, wäre ich zeitlebens an den Rollstuhl gefesselt und könnte nie wieder sprechen, hieß es damals. Zum Glück ist es anders gekommen, allerdings habe ich auch einen jahrelangen Kampf mit den Wörtern hinter mir. Ich konnte Gegenstände nicht mehr benennen, alles war verschwunden. Ich musste also von vorne anfangen und alles neu lernen.

Wie geht es Ihnen heute?

Keller Mein Leben hat sich komplett verändert. Ich musste meine Arbeit aufgeben. Unter anderem habe ich Kinderbücher geschrieben. Das ist heute nicht mehr möglich. Französisch und Englisch bereiten mir immer noch Probleme. Lesen ist ebenfalls schwierig. Ich leide demnach noch immer unter den Folgen. Ich bin schnell müde und vergesse viel, weil mein Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt ist. Wenn ich erschöpft bin, fällt es mir noch schwerer, die Wörter zu finden.

Besteht Hoffnung auf Besserung?

Keller Ich habe mich von Anfang an, auf das Sprechen konzentriert. Darauf habe ich meine ganze Energie verwendet. Meine Familie habe ich darum gebeten, mich zu unterbrechen und zu verbessern, wenn ich etwas Falsches sagen würde. Die gleiche Energie müsste ich nun noch einmal aufs Schreiben verwenden. Dazu fehlt mir aber die Zeit. Die „Blëtz a.s.b.l.“ nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich muss aber sagen, dass es von Jahr zu Jahr ein Stückchen besser geht. Früher wurde immer gesagt: „Was nach einem Jahr nicht wieder da ist, kommt nie wieder zurück“. Das kann ich nicht bestätigen. Heute weiß man, dass das Gehirn derart flexibel ist, dass auch nach Jahren noch Fortschritte erzielt werden können. Ich habe mich nie damit zufriedenen gegeben, dass nicht mehr möglich sein sollte, ich bin eine Kämpfernatur.

Warum lag Ihnen die Gründung der „Blëtz a.s.b.l.“ so am Herzen?

Keller Es gibt so viele verschiedene Organisationen, aber bis dahin keine für Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, oder für ihre Angehörigen und Freunde. Auch für sie ist die Situation nicht leicht. Die Familie ist in dieser Zeit sehr wichtig und muss deshalb verstehen, was bei einem Schlaganfall mit dem Menschen passiert und wie man mit ihm umgehen soll. Wir bieten Informationen und Beratung. Auch der Austausch zwischen Betroffenen ist von großer Wichtigkeit. Sie neigen nicht selten dazu, sich zu isolieren, weil sie sich beispielsweise nicht mehr klar ausdrücken können und deshalb möglicherweise für nicht ganz voll genommen werden. Man realisiert ja selbst, dass etwas aus dem Mund herauskommt, was man so im Kopf nicht gedacht hat. Man hat keine Macht darüber, befindet sich somit in einem Dilemma und sagt lieber nichts mehr. Während des Austauschs mit anderen Betroffenen, erkennt man, dass man nicht alleine ist. Präventionsarbeit spielt selbstverständlich ebenfalls eine große Rolle.

Mit der Vereinigung wurde demnach eine Lücke geschlossen. Woran fehlt es jetzt noch?

Keller In Luxemburg fehlt es an etwas ganz Wichtigem: Es gibt keine spezifische Struktur für Betroffene. Es kommt aber vor, dass ein Schlaganfallpatient nicht mehr nach Hause zurückkehren kann, weil die Schäden zu groß sind und dauerhafte Pflege nötig ist. Für sie bliebe nur das Altersheim als Alternative. Gerade für jüngere Betroffene kann das nicht die Lösung sein. Wir brauchen unbedingt eine Struktur, wo sich gezielt um diese Menschen gekümmert wird und wo zudem ambulante Therapien möglich sind. Daran arbeiten wir und hoffen, dass es in spätestens zehn Jahren so weit ist.