LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Bei Einstellungen setzen immer mehr Unternehmen auf sogenannte „Background-Checks“ – die arbeiten nicht nur mit zweifelhaften Praktiken, sondern können Kandidaten nachhaltig schaden - Wir haben Fälle aus Luxemburg zusammengetragen und in Personalabteilung

Jeder Arbeitgeber will heute sicher sein, dass die neu eingestellte Person keine dunklen Seiten hat. Anders als in anderen Ländern ist es in Luxemburg beispielsweise schon seit vielen Jahren üblich, einen Auszug aus dem Strafregister zu erfragen und aufgrund der kleinen Landesgröße kennen viele Unternehmen auch den vorherigen Arbeitgeber und fragen dort im Zweifel nach.

Einigen reicht das jedoch nicht. Sie gehen einen Schritt weiter und beauftragen sogenannte „Background-Checker“. Was im angelsächsischen Raum weitaus üblicher ist, kann hier großen Schaden anrichten. Beispielsweise, wenn ein ausländischer Background-Checker den Arbeitgeber anruft, um bei voller Namensnennung eines Kandidaten Referenzen beim aktuellen Arbeitgeber einzuholen. Oder wenn ein bereits eingestellter Kandidat entlassen wird, weil angeblich etwas nicht stimmt. Da reicht es dann schon, dass ein für ein Land verantwortlicher Personaler darauf gedrängt hat, dass die Anfrage über die Echtheit des Diploms bei der Universität gegen 18.00 am Freitag erfolgt – und somit dann ein tödliches „keine Angaben“ im Bericht steht. In solchen Fällen werden Background-Checker für interne Machtspielchen benutzt.

Wie viel wollen Sie von sich preisgeben?

Richtig kriminell wird es, wenn diese ihre oft teuer berechnete Leistung – beispielsweise 3.500 Euro pro Kandidat – nach Estland oder Rumänien outsourcen und der Kandidat gar nicht mehr weiß, wer wo Zugang zu den persönlichen, sensiblen Daten hat. Das ist umso gravierender, weil die Kandidaten jetzt auch schon um den Zugang zu privaten Bank- und Facebook-Konten gedrängt werden – und oft genug nachgeben.

In Luxemburg arbeitet der „Crédit Suisse“ mit einer britischen Firma namens „Sterling Talent Solutions“, die „BGL BNP Paribas“ und die „Société Générale“ wollten dem „Journal“ keine Auskunft geben. Andere wie die ING oder die BIL setzen auf bewährte Methoden und sind bislang gut damit gefahren. Die SES führt Background-Checks nur in bestimmten Ländern durch.

Wir haben uns umgehört und stellen Ihnen die Ergebnisse eines beunruhigenden Trends vor, der angesichts der Europäischen Datenschutzrichtlinie immer heftigere Blüten treibt und dazu führt, dass Unternehmen ihre ureigene Kompetenz auslagern.

„Da stand ich ohne Job da“

E. wurde am ersten Tag seines neuen Jobs wegen eines Background-Checks gekündigt – der noch gar nicht beendet war

Ein besonders heftiger Fall dessen, was ein unprofessionell ausgeführter Background-Check anrichten kann, berichtet hier ein Betroffener – anonym, denn er hat bis heute keinen neuen Job.

„Ich wurde vom in Luxemburg ansässigen einstellenden Unternehmen nach Unterzeichnung des Arbeitsvertrages informiert, dass ein Screening durchgeführt würde. Mit einem Link habe ich mich zum Background-Check-Unternehmen angemeldet. Rund zwei Wochen lang passierte nichts, außer ein Anruf, bei dem eine Kopie meines Ausweises verlangt wurde. Dann erhielt ich seltsame Anfragen vom „internen Screening“ des einstellenden Unternehmens. Ich hatte das Gefühl, dass der Background-Checker und das einstellende Unternehmen wenig bis keinen Austausch hatten, denn ich erhielt immer wieder die gleichen Fragen von beiden. Sie hatten bei einem oder zwei Punkten Nachfragen zum Lebenslauf. Auf jede Frage erhielt ich rund eine Woche später wieder exakt die gleiche Nachfrage. Das betraf vor allem einen Master-Abschluss, den ich vor 15 Jahren gemacht habe. Ich hatte das vielleicht im CV zu kurz geschrieben, „MBA“ statt „MBA Degree“, und sie haben das in Frage gestellt. Sie haben mir unterstellt, dass ich lüge. Ich habe ihnen die Abschlüsse nachgewiesen. Sogar das Buch zum Programm habe ich abfotografiert. Sie haben mir dennoch trotz des unterzeichneten Vertrages gekündigt, und zwar am Freitag, bevor ich anfangen sollte. Das traf mich völlig überraschend.

Ich rief an und wollte wissen, was los war. Erst nach einem Monat habe ich mehr über die Motive erfahren. Sie haben gesagt, das läge an den „Falschinformationen im Lebenslauf“. Aber das Screening kann nicht der Grund sein. Denn zwei Wochen nach der Kündigung schreibt mir das Screening-Unternehmen, sie hätten noch Fragen. Mein zukünftiger Arbeitgeber hatte da schon gekündigt und das Screening-Unternehmen hatte das Screening noch nicht beendet. Damit war klar, dass das Screening nur eine Ausrede des Unternehmens war. Ich denke, es gab auch ein Problem mit der Koordination und ich hatte den Eindruck, dass das Tochterunternehmen hier in Luxemburg, das mich einstellen sollte, gar nicht darüber informiert war. Seit ich dem Unternehmen gesagt habe, dass das Screening-Unternehmen doch noch gar nicht fertig war, herrscht Funkstille. Das zeigt, dass sie wissen, dass etwas nicht stimmt. Ich hatte den Eindruck, dass das Screening nicht professionell lief. Denn die sogenannten Screening-Experten kontaktieren ehemalige Arbeitgeber, die schon Zeugnisse ausgestellt haben. Einige beantworten deren Fragebögen, andere nicht. Warum? Sie sagen: „Wenn wir zu jedem Ex-Mitarbeiter, der einen Posten wechselt, einen Fragebogen ausfüllen sollen, machen wir nichts anderes mehr. Wir denken, unsere Zeugnisse sind ausreichend.“ Zwei meiner ehemaligen Arbeitgeber haben deshalb nicht geantwortet. Aber es wird so interpretiert: Wer nicht antwortet, hat eine schlechte Meinung über den Kandidaten; jedenfalls in den Augen des Background-Check-Unternehmens. Dies wertet das negativ. Ich finde das ungerecht, weil der Kandidat nichts dafür kann. In Luxemburg ist mir der Background-Check zum ersten Mal passiert. Ich weiß, dass das in den USA läuft, aber da ist es sehr schnell. Die Background-Check-Unternehmen erledigen das in einigen Tagen. Darüber hinaus erhalten dort auch Kandidaten einen Bericht des Screenings. Hier hingegen wurde mir gesagt, ich müsse meinen zukünftigen Arbeitgeber fragen.

Die Situation hier ist schlimm, weil sie Arbeitgeber und Arbeitnehmer in eine Konfliktsituation bringt, bevor die Person überhaupt die Arbeit aufgenommen hat. Der Kandidat hat keine Wahl, wenn er im Guten mit dem Arbeitgeber anfangen will. Das Ganze hat einen Einfluss auf meinen Ruf gehabt, denn auf der anderen Seite machte das einstellende Unternehmen Druck, dass ich schon Termine mit zukünftigen Kunden mache und auch welche mitbringe. Die musste ich nach der Kündigung alle annullieren. Für mich bedeutet das mehrere Monate ohne Gehalt. Auf dem Markt muss ich das erklären – und wer kann das schon verstehen? Aber wenn ich nichts sage, muss ich irgendetwas erfinden, und das mag ich auch nicht. Ich hatte das Gefühl, in eine Verwaltungsmaschine geworfen zu werden, die keine wirklichen Ergebnisse bringt. Ich sehe den Sinn eines Screenings nicht, dassso durchgeführt wird. Für den Arbeitnehmer und Arbeitgeber kann das nur negativ sein. Es ist sehr gefährlich, denn wenn mit anderen so verfahren wird wie mit mir, sind bald die Hälfte der Leute ohne Arbeit und niemand will mehr wechseln – einfach, weil es zu gefährlich ist.“
Lëtzebuerger Journal
Job gesucht und Arbeit verloren

C. fiel aus allen Wolken, als im Rahmen eines Checks ihr Arbeitgeber befragt wurde

C. war fest angestellt und auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Sie bewarb sich bei einem Unternehmen. Dies verlangte einen „Background-Screening“, der von der britischen Firma „Sterling Talent Solutions“ durchgeführt wurde. Sämtliche Unterlagen liegen der Redaktion des „Journal“ vor. Daraus wird klar: Das britische Unternehmen machte das, was kein gesunder Mensch tun würde: Unter voller Nennung des Namens und Geburtsdatums von C. fragte es beim aktuellen Arbeitgeber nach Referenzen und nannte dabei auch noch den Kunden, das heißt den Arbeitgeber in spe. Damit wusste der Arbeitgeber, dass C. sich woanders beworben hatte, noch dazu bei der Konkurrenz. C. hatte diesem Vorgehen natürlich nicht zugestimmt und sah sich anschließend gezwungen, den Arbeitgeber zu verlassen, denn die Karriereaussichten waren dahin. Schlimmer noch: In den Unterlagen sieht es so aus, als wäre C. damit einverstanden, dass Sterling so vorgeht und machte sich damit lächerlich.

C. verlangte daraufhin Akteneinsicht. Gemäß der Europäischen Datenschutzrichtlinie ist das das gute Recht eines Kandidaten. Schon hier ziert sich Sterling. Dann aber kommt es noch dicker: Es geht aus den Unterlagen hervor, dass Sterling die Prüfung der sensiblen persönlichen Daten ausgesourct hat und zwar an ein Unternehmen namens „I-Cover Europe“, das laut Webseite unter anderem in Großbritannien, Frankreich und Bulgarien tätig ist. C. war damit niemals einverstanden.

Das blieb nicht die einzige Auslagerung. Auch die Prüfung des Passes wurde ausgelagert an ein Unternehmen namens „GBG ID3global“. Das Unternehmen, das sich selbst lobt („Sie werden beeindruckt sein!“), stellt lapidar fest, dass das Geschlecht, das Geburtsdatum und noch ein paar Fakten stimmen. Das hätte jeder Schüler zuwege gebracht. Unklar bleibt auch, wo das geschehen ist. Das Unternehmen hat beispielsweise zwei Adressen in London, wovon eine der Sitz ist und auch in ein paar anderen europäischen und internationalen Städten. Wer „Luxemburg“ klickt, kann ein „Fact sheet“ anfragen – aber präsent ist das Unternehmen hier nicht. Ein Kandidat weiß also gar nicht, wer wo den Pass untersucht. Das Unternehmen wirbt mit „Algorithmen“, tatsächlich jedoch hat es einfach Daten abgeglichen. Während C. umfangreiche Auskunft geben soll, sichert sich „Sterling Talent Solutions“ im Kleingedruckten ab.

C. verlangte am Ende die Löschung aller Daten, was nach der Europäischen Datenschutzrichtlinie konform ist. Das Unternehmen meinte, mindestens vier Wochen dafür brauchen zu müssen und wollte sich zunächst auf eine Zustimmung des beauftragenden Unternehmens zurückziehen.

Fazit: C. musste die Stelle wechseln, hat sich im eigenen Unternehmen unmöglich gemacht und weiß jetzt nicht, wer in welchem Land über Kopien und Informationen höchst persönlicher Art verfügt. Aus einem „Background-Check“-Spezialisten wurde ein Netzwerk undurchsichtiger Firmen, deren Vorgehen weitaus lapidarer ist, als sie es darstellen wollen.