LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Immanuel Kant (1724-1804) lebte seine Theorie. Er predigte die Verwirklichung von Pflicht und Moral und wusste diese auch im Alltag anzuwenden. Von Kritikern wurde Kant auch schon mal etwas abwertend als „Alleszermalmer“ bezeichnet, der alles auseinandernimmt und theoretisiert. Die langen Analysen sowie die Rückführung auf strenge Prinzipien lassen ihn auch heute noch für so manch einen als einen etwas trockenen Zeitgenossen erscheinen. Spaß und Flexibilität? Allen voran Pflicht und Disziplin.

Ein wenig erstaunlich mag es dann erscheinen, dass Kants Dinnerpartys als legendär galten. Jeder aus dem akademischen Milieu, der etwas auf sich hielt, wollte und musste dabei sein. Die Einladungen waren heiß begehrt. Aber unser lieber Kant wäre nicht Kant, hätte er nicht auch Prinzipien für ein gelungenes Dinner ausgearbeitet. In seinem Werk „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (1789) lassen sich zahlreiche Regeln hierzu wiederfinden. Natürlich geht es nicht nur um den anzuwendenden Knigge bei Tisch, sondern auch um Gebote bezüglich Getränke und Speisen, Konversationsthemen und Rahmenprogramm. Für Kant war auf jeden Fall klar, dass gute Speisen und Gespräche die beste Medizin für Körper und Geist darstellten, eine Ansicht, der auch heute nur wenige widersprechen.

Ich würde heute gerne mit Ihnen einiges aus Kants Schrift lesen, weil mich dieser Teil besonders amüsiert. Denken Sie sich nun einfach mit mir in ein Speisezimmer des damaligen Königsbergs und heutigen Kaliningrads.

Das, was ein wahres Wohlleben ausmacht, „ist eine gute Mahlzeit in guter (und wenn es sein kann auch abwechselnder) Gesellschaft“, erklärt Kant. Die Anzahl der Gäste darf nicht geringer als die der Grazien (drei) und nicht höher als die der Musen (neun) sein. Frauen sind auch zugelassen, denn dank ihnen wird das Tischgespräch im gesitteten Rahmen gehalten. Allerdings kann dies auch einschränkend wirken, sodass das Risiko peinlicher Stille bedacht werden muss. Die Konversation sollte stets mit interessanten Neuigkeiten des Tages geschmückt sein, dazu darf man nicht einfach etwas aus der Luft greifen. Die Wirtin des Hauses weist sich als Retterin aus, die mit „allgemeiner und lauter Fröhlichkeit“ den Gang des Gesprächs am Laufen hält.

Das gesellige Vergnügen steht für Kant nämlich noch vor der leiblichen Sättigung, die ein jeder auch für sich allein haben kann. Allerdings ist die einsame Mahlzeit „für einen philosophierenden Gelehrten ungesund“ und eher „erschöpfende Arbeit“, da er aus dem Grübeln nicht selbst herauskommt und die Gedanken nicht mit neuem Stoff beleben kann. Der Einsame kann nur an „Munterkeit“ gewinnen, wenn er an den abwechselnden Einfällen seines Gegenübers teilhat.

Der „Konversationsgeschmack“ gebietet es zudem, das, was im Rahmen der Tischgesellschaft gesprochen wurde, nicht nach draußen dringen zu lassen. „What happens in Königsberg, stays in Königsberg“ sozusagen: „Denn ein jedes Symposium hat, auch ohne einen besonderen dazu getroffenen Vertrag, eine gewisse Heiligkeit und Pflicht zur Verschwiegenheit bei sich [...] weil, ohne dieses Vertrauen, das der moralischen Kultur selbst so zuträgliche Vergnügen in Gesellschaft, und selbst diese Gesellschaft zu genießen, vernichtet werden würde“. In diesem Sinne findet es Kant zwar wichtig, sich gegen Lästereien, die zu Tische aufgetragen werden, zu wehren, sie aber nicht weiter draußen zu verbreiten.

Der Ablauf einer gelungenen Tischgesellschaft ist ebenfalls wohl durchdacht. Den drei Gängen gleich wird sich die Unterhaltung auch in drei Stufen gliedern lassen: Erzählen, Räsonieren und Scherzen. Bei einer leichten Vorspeise soll man sich also erst einmal einstimmen, Neuigkeiten austauschen, wohl gemerkt zuerst die einheimischen, dann die auswärtigen. Wenn der erste Hunger gestillt ist, können schwierigere Themen aufgetischt werden. Hier erregt sich die Tischgesellschaft, man diskutiert über verschiedene Perspektiven und Thematiken und debattiert hitzig und leidenschaftlich miteinander. Während des Hauptgangs regt sich somit der „Appetit für Schüssel und Bouteille“. Dieses „Vernünfteln“ ist aber, gleichwie die üppige Mahlzeit, etwas ermüdend, sodass Witz und Lachen, „zum Teil auch um dem anwesenden Frauenzimmer zu gefallen“ den süßen Abschluss der Gesellschaft begleiten. Natürlich hat auch dies seinen Grund, denn das laute Lachen bewegt Zwerchfell und Eingeweide, welches der Verdauung nur zu Gute kommen kann! Unser guter Kant wollte wirklich nichts dem Zufall überlassen, sodass er auch die Wahl der Gesprächsthemen analysierte. Das Thema muss für jeden interessant sein und strukturiert eingeteilt werden. Es darf zudem „keine tödliche Stille, nur augenblickliche Pause in der Unterredung entstehen“. Durch das ganze Gespräch muss sich ein roter Faden ziehen, da die Gäste sich am Ende der Unterhaltung nicht verwirrt fühlen dürfen oder gar so, als ob sie keine neuen Erkenntnisse über Tisch gewonnen hätten. Rechthaberei sieht Kant auch als Stimmungskiller an, schließlich soll eher eine fröhliche Unterhaltung geführt werden, als dass Ernst und Konkurrieren das Beisammensein trüben sollten. Kommt es dann aber doch einmal zum Streit soll die eigene Disziplin wie auch „wechselseitige Achtung und Wohlwollen immer hervorleuchte[n], wobei es mehr auf den Ton (der nicht schreihälsig oder arrogant sein muß), als auf den Inhalt des Gesprächs ankommt“.

So starr und rigide einem diese Tischgebote auch vorkommen mögen, Kants Dinnerpartys fanden großen Anklang. Vielleicht hat der alte Kant klammheimlich doch noch Raum für etwas Spontaneität eingeplant, wer weiß? Auf jeden Fall hätte ich mich zu gerne einmal dazu gesetzt.