LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Mittendrin statt nur dabei: Zweite Ausgabe des „Choraoke“ im „De Gudde Wëllen“

Im Auto singe ich immer besonders lautstark mit, wegen mangelnder Textsicherheit nicht selten mit meinen ganz eigenen Lyrics. Auch bei „Sing Star“ reiße ich das Mikrofon stets selbstbewusst an mich, voller Überzeugung, den richtigen Ton zu treffen, was die Spielkonsole allerdings gelegentlich anders sieht. Natürlich würde ich auch beim „Choraoke“ jeden an die Wand singen. Ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung wird ja wohl erlaubt sein! Etwas aufgeregt bin ich dann doch, als ich an diesem Valentinstag, auch noch Donnerstagabend genannt, mit einer Freundin im Schlepptau vor dem Café „De Gudde Wëllen“ stehe, wo die „V-Day Special Edition“ des „Choraoke“ steigt.

„Choraoke“, zusammengesetzt aus Chor und Karaoke, ist übrigens eine der neuesten Aktivitäten des „Institut Européen de Chant Choral“ (INECC), verbunden mit dem Ziel, wieder mehr Leute fürs gemeinsame Singen zu interessieren, insbesondere die jüngeren Generationen. Im ungezwungenen Rahmen mit Live-Band werden bekannte Popsongs gesungen, „auch mehrstimmig“, wie INECC-Direktor Arend Herold kürzlich in einem Interview mit dem „Journal“ erklärte. Mehrstimmig?! Bedeutet das also, dass ich zuerst vorsingen muss, damit die Organisatoren meine Stimmlage einordnen können? Sopran, Alt, Tenor, Bass? „Genauso ist es“, sagt Elisa Baiocchi, Kommunikationsbeauftragte des INECC, mit ernster Miene, auf die sie aber gleich ein verschmitztes Lächeln folgen lässt. Nur ein Scherz, zum Glück, die Türklinke hatte ich nämlich fluchtbereit fast schon wieder in der Hand. „Das läuft alles ganz locker und zwanglos ab“, versichert sie.

„V-Day Special Edition“

Die „V-Day Special Edition“ ist die zweite Ausgabe dieses „Karaoke reloaded“. Der Zuspruch bei der ersten Auflage war gleich riesig. Diesmal stehen, passend zum Tag der Verliebten, „Love Songs“ aus den 80ern, 90ern und von heute auf dem Programm. Vorsorglich habe ich schon mal Whitney Houston („I will always love you“), Kylie Minogue & Jason Donovan („Especially for you“) und Lionel Richie („Hello“) einstudiert. Umsonst, denn wie Lynn Berchem (Animation/Gesang) gleich klarstellt, werden „keine Schnulzen“ gesungen. Ich bin flexibel. Sie teilt sich derweil die Bühne mit Andy Loor (Animation/Gesang), Bob Minette (Schlagzeug), Claude Zeimes (Klavier) und Tom Heck (Bass/Gitarre). Tatsächlich erledigt die Live-Band einen fantastischen Job und versteht es auf Anhieb, das Publikum mitzureißen. Eine größere Anstrengung erfordert dies nicht, Bock zu singen hat an diesem Abend jeder.

Treffsicherheit auf der Kippe

Beim Auftaktsong wird meine Treffsicherheit, was die richtigen Töne anbelangt, gleich auf die Probe gestellt. Jazon Mraz‘ „I’m yours“ will mir auch vom Text her nicht so recht über die Lippen gehen. Flüssiger läuft es da schon beim Ohrwurm „You can’t hurry love“ von „The Supremes“. Das Warming-up ist geglückt und das erste Stockwerk des „Gudde Wëllen“ mittlerweile prall gefüllt. Der Blick auf die Leinwand, wo die Songtexte abgelesen werden können, fällt bei einer Körpergröße von bescheidenen 1m60 leider etwas schwer, also heißt es improvisieren, so wie ich es ohnehin immer während meiner Autofahrten tue.

Beeindruckende Gruppendynamik

„Mambo No. 5“ von Lou Bega stellt mich vor keine Herausforderung, so oft wie ich zu dem nervigsten Song aller Zeiten in meiner Jugend getanzt habe. „A little bit of Monica in my life, A little bit of Erica by my side….“, ein Klacks. Ed Sheerans „Shape of you“ bedeutet da schon wieder eine größere Hürde, immerhin das „Oh-I-oh-I-oh-I-oh-I“ habe ich aber ganz gut drauf, um dann beim Grease-Song „You’re the one that I want“ regelrecht zur Höchstform aufzulaufen und bei „Mama Mia“ ins
ABBA-Fieber zu verfallen. Die Gruppendynamik ist beeindruckend. Und eines ist bald klar: Es geht nicht unbedingt darum, jeden Ton zu treffen und möglichst richtig zu singen, sondern vor allem laut. Die Stimmung ist am Kochen, genau wie meine in Wollstrümpfe und dicke Schuhe gepackten Füße. Es ist ja schließlich Winter!

Nach einer willkommenen Pause säuseln wir mit Roy Orbison „Pretty woman“, um danach mit dem Dirty Dancing-Hit „Time of my life“ gleich wieder voll aufzudrehen. Still steht niemand mehr, die Hebefigur traut sich dann aber doch keiner zu. Dazu fehlt ohnehin der Platz. „Marry you“ von Bruno Mars kommt anschließend etwas lahm daher, das reißen die Blues Brothers mit ihrem „Everybody needs somebody“ aber wieder raus. Dass jetzt schon Schluss sein soll, wird von der singwütigen Menge natürlich nicht akzeptiert. Also dürfen ABBA noch einmal ihr „Mama Mia“ singen, und der Abend ist auch danach noch nicht vorbei, vereinzelt wird die Bühne gestürmt, „The Proclaimers“ geben „I’m Gonna Be“ zum Besten, Bon Jovi singt „Always“ und Ed Sheeran darf auch nochmal ran. Ich halte mich zurück. Whitney Houston kommt nächstes Mal.

Die nächsten Choraoke-Events zum Vormerken: 5. März, 2. April, 7. Mai, 4. Juni, 2. Juli, immer um 19.00 im „De Gudde Wëllen“. Der Eintritt ist frei.