Ist weniger das Drehbuch, sondern vielmehr die schauspielerische Leistung einzelner Darsteller der Garant für den Erfolg einer TV-Serie, sollte man sich als Produzent vielleicht fragen, ob man auf die richtigen Drehbuchautoren gesetzt hat? Würde die US-amerikanische Serie „Ray Donovan“, die seit kurzem auf Netflix läuft, nicht von einer Garde ausgezeichneter Mimen wie Jon Voight, Eddie Marsan oder Elliott Gould getragen werden, wäre man geneigt, den Lesern von ihr abzuraten. Denn die Macher verpassen es nämlich, in den zwölf Folgen der ersten Staffel den Spannungsbogen derart aufrecht zu erhalten, dass der Zuschauer am Ende jeder 50-minütigen Folge förmlich nach der Fortsetzung giert. Der Stoff dazu ist allerdings vorhanden.
Eigener Vater als Gegner
Die Hauptfigur Ray Donovan, etwas lustlos interpretiert vom Naomi Watts-Gatten Liev Schreiber („The Manchurian Candidate“) arbeitet als so genannter Fixer für die Promis aus Hollywood und holt sie diskret aus dem Schlamassel heraus, den sie sich selber eingebrockt haben. Der Spitzensportler, der morgens in einem Luxushotel neben einer Prostituierten erwacht, die sich mit Koks ins Jenseits geschnupft hat, ist genauso Kunde bei Donovan, wie der
Actionstar, der kurz vor der Premiere seines 30-Millionen Blockbusters mit einem Transvestiten rum macht und dabei gefilmt wird. Donovan arbeitet nicht auf eigene Faust, sondern im Auftrag einer dubiosen Anwaltskanzlei, die unter anderem von Ezra Goldman -interpretiert von Elliott Gould, dem Kinopublikum bekannt aus Steven Soderberghs „Ocean’s-Filmen - geleitet wird. Donovan und die Kanzlei werden von der eigenen Vergangenheit eingeholt, als Rays Vater Mickey Donovan (Jon Voight) vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, wo er zwanzig Jahre einsaß für einen Mord, den sein Sohn und dessen Arbeitgeber ihm in die Schuhe geschoben hatten, um die Weste eines prominenten Kanzlei-Klienten weiß zu waschen. Der alte Donovan soll nun im Auftrag eines FBI-Agenten denjenigen, die ihn in den Knast gebracht haben, das Handwerk legen.
Serienalternative
In der gesamten ersten Staffel werden die Familienverhältnisse der Donovan-Familie seziert, um den Zuschauern die einzelnen Handlungen der Figuren zu erläutern. Die Figuren sind Protagonisten in einem Katz- und Mausspiel und versuchen, alle mehr schlecht, denn recht, die eigene persönliche Vergangenheit aufzuarbeiten.
Da die Macher die Psychologie ihrer Figuren in den Mittelpunkt der einzelnen Folgen stellen, wird Rays eher ungewöhnlicher Job in den Hintergrund der Handlung gedrängt. Spannungsreiche Momente werden zur Seltenheit; das sehr langsame Erzähltempo allerdings erlaubt Charakterdarstellern wie eben Jon Voight oder Eddie Marsan, der Rays Bruder Terry spielt, ihr ganzes Talent abzurufen.
Fans von Thriller-Serien werden mit „Ray Donovan“ wenig anzufangen wissen und zweifelsohne nach der ersten Folge den Fernseher ausschalten. Wer Fernsehgenuss gleichstellt mit einem Haufen Charakterdarstellern in Höchstform, bekommt mit „Ray Donovan“ eine Alternative zu den Serienplatzhirschen aus den Staaten geboten.
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