CORDELIA CHATON

Die USA sind das Land der Sicherheit. Bettdecken für Kinder dürfen nicht aus Daunen sein, weil die entflammbar sind. Rohmilchkäse gilt wegen Bakterien als gefährlich. Flüge werden von der „Federal Aviation Administration“ (FAA) überwacht.

Doch der Sicherheit stehen offenbar wirtschaftliche Interessen entgegen, vor allem im Luftraum. Anders ist es kaum zu erklären, dass die USA und die FAA so lange gezögert haben, bis sie nach zwei tödlichen Crashs die umstrittene Boeing 737 MAX endlich auch - zumindest vorläufig - am Boden ließen. Dabei gibt es starke Anhaltspunkte, dass die in dem Flieger verwendete Software in bestimmten Situationen die Nase des Flugzeugs nach unten drückt und den Piloten, die oft nicht vorbereitet oder geschult sind, widersprüchliche Informationen liefert. Wer jemals im Fernsehen Sendungen zur Aufklärung von Flugzeugunglücken gesehen hat weiß, dass die Suche nach der Ursache ein höchst spannender Krimi ist. Aber wohl auch einer, der dem Kampf des Duos in die Quere kommt.

Als Airbus als europäische Gesellschaft 1967 gegründet wurde, lachte Boeing in den USA noch. Doch mit den Jahren war das Duo Boeing - Airbus das einzige, dass das Know-how und die Mittel hatte, eigene Langstrecken-Passagierjets zu entwickeln. Die Schlacht am Himmel war so wichtig, dass es sich kaum ein US-Präsident nehmen ließ, für Boeing Werbung zu machen. Boeing wiederum revanchierte sich und spendete Geld. In Europa hingegen mussten Staatschefs natürlich Airbus ordern, jedenfalls zu Beginn. Dann gewann Boeing mehr Marktanteile.

Jetzt ordnet sich die Situation neu. Der Ausgangspunkt ist einfach: Boeing hat die 737 in der MAX-Version als Neuauflage auf den Markt gebracht, nachdem Konkurrent Airbus die A320neo mit einem sparsamen Motor und viel Verkaufserfolg vorgestellt hat. Damit es schneller ging, wurde kein komplett neues Flugzeug entwickelt. Es galt eine Erweiterungslizenz in den USA und Europa, daher mussten Piloten nicht neu ausgebildet werden. Das Vorgehen wird Boeing nun zum Verhängnis, denn die Triebwerke setzten eine neue Software voraus.

Jetzt muss Boeing zittern. Denn die 371 seit 2017 schon ausgelieferten Maschinen werden wohl Monate am Boden bleiben, bis die Auswertung feststeht. Schon verballhornen Passagiere den Werbeslogan „If it’s not Boeing, I’m not going“ zu „If it’s Boeing, I’m not going“. Der Imageschaden ist immens. Der Flugzeugbauer muss mit Ausfall-Forderungen von zahlreichen Airlines weltweit rechnen. Darüber hinaus gibt es noch über 4.600 Aufträge für den Flieger, die nun nicht abgewickelt werden können. Airlines stornieren Bestellungen; 55 Milliarden Dollar, mit denen Boeing schon gerechnet hat, stehen zur Disposition. Dabei ist der Auftragsdruck weltweit so groß, dass Airbus es wohl kaum alleine schaffen dürfte, so viele Flieger zu bauen. Der Boeing-Aktienkurs sackte ab.

Derzeit werden die Flugschreiber in Frankreich ausgewertet. Die Rede ist von ersten Ähnlichkeiten. Wenn sich das bewahrheitet, wird Boeing trudeln. Denn dann haben sie den Markt schneller bedient als die Sicherheit der Passagiere garantiert. Das wäre der Dieselskandal der Luftfahrt; eine Katastrophe MAX. Wie wusste schon Marie von Ebner-Eschenbach: Du kannst so rasch sinken, dass du zu fliegen meinst.