SVEN WOHL

Selten sind Europapolitiker die inspirative Quelle für eine kulturtheoretische Überlegung bei mir gewesen, aber manchmal passiert es dann doch. Bei einer Veranstaltung vor zahlreichen Schülern meinte Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, dass der Export europäischer Werte keinen Imperialismus darstelle. Allein dadurch, dass er das sagen musste, bestätigt er ja schon, dass es scheinbar einiges an Verwechslungspotential gibt. Imperialismus lässt sich, je nach Neigung, auch als Werteexport darstellen und verstehen, der meist Hand in Hand mit einer Invasion geschieht. Das haben wir natürlich in Zeiten des Postkolonialismus endlich hinter uns gelassen, und somit müssen Werte eben anders exportiert oder aufgedrängt werden. Es sind also die Mittel, die sich geändert haben. Nur der grundlegende Gedanke bleibt der gleiche: Unsere Werte sind richtig, unumstößlich und indiskutabel, drum lasst sie uns exportieren. Logisch betrachtet bleibt ebenfalls auf der Strecke, dass wir unsere Werte ohnehin bereits automatisch exportieren. Die schwer definier- und greifbaren Gegenstände „Wert“ oder „Ideologie“ werden mithilfe der genauso schwer zu definierenden „Kultur“, die unseren, hingegen sehr greifbaren, Gütern anhaftet, exportiert. Das geschieht unter anderem durch Technologie, durch Film, Musik und Literatur. Ideologie hat eben diese lustige, oder auch lästige, Angewohnheit, sich überall einzuschleichen. Das haben selbstverständlich die „bösen“ Chinesen längst begriffen. Lange genug schon versuchen sie, eben diese Güter immer weniger zu importieren und immer mehr zu zensieren. Da wird sich auch an das fast unzensierbare Internet herangetraut, wo der Chinese mit dem ach so westlichen Gut der „Gedankenfreiheit“ in Kontakt kommt und diese dann auch noch unverschämterweise nutzt. Dieses verflixte Internet, mit seinen westlichen Werten! Da kommt auch das kommunistische China schon mal unter den Druck der Bevölkerung. Aber wieso so weit in die Ferne blicken, der Osten kann ganz nah sein: Dort werden Regime gestürzt und die finale Verzweiflungstat der Diktatoren und Alleinherrscher ist oft genug, diese merkwürdigen Glasfaserleitungen und dergleichen zu kappen. Mit der Axt, wenn nötig, denn die Informations-Steinzeit ist notwendig, um den Status Quo, also eine Steinzeit-Regierungsform, zu erhalten. Auf lange Sicht kann das dennoch nicht funktionieren. Kulturen, Gesellschaften und Nationen standen und stehen im ständigen Kontakt und Imperien werden daran zu Grunde gehen. Der werte Herr Schulz braucht sich ergo keine Gedanken zu machen, ob die Europäische Union sich imperialistisch verhält oder nicht. Werte werden exportiert, egal ob wir es eigentlich beabsichtigen oder nicht. Einige werden angenommen und übernommen werden, andere wiederum nicht. Und mit dem Westen wird es nicht anders in dieser Hinsicht sein, aber für diese Feststellung benötigt man ein wenig mehr Selbstreflexion und das Eingeständnis, dass man eben nicht unbedingt den absoluten zvilisatorischen Höhepunkt darstellt. Denn der Fehlschluss, dass die eigenen Werte die einzig richtigen sind, ist gleichzeitig intolerant und äußerst kurzsichtig.