NEW YORK/LUXEMBURG
BOB DIESCHBURG

„Das Mädchen aus dem Goldenen Westen“ am 27. Oktober auch in Luxemburg im Kino

Als Teil der Vermarktungsstrategie des New Yorker Kulturlebens, bringt Met-Direktor Peter Gelb „La Fanciulla del West“ auf die internationale Kino-Leinwand. Das Programm „The Met - Live in HD“ ist ein Aushängeschild des berühmten Opernhauses, das mit der Rückkehr von Jonas Kaufmann zum Zentrum der medialen Aufmerksamkeit wird.

Von Goldgräbern und Tenören

Mit der Wiederaufnahme von Puccinis Wild West Melodram zelebriert die Metropolitan Oper ihre musikalische - und zugleich nationale - Identität: Diese ist verknüpft mit der Romantisierung des Gold Rush, die der Luccheser Komponist den normativen Ansprüchen der Grand Opéra als französisch geprägtem Genre entgegenstellt. Der Amerikanismus von Handlung und Musik ist somit auf die Geschmäcker des New Yorker Publikums abgestimmt, das seit der triumphalen Premiere von 1910 das Erbe dieser ansonsten unterschätzten Oper kultiviert.

Die Uraufführung bildete einen interpretationsgeschichtlichen Meilenstein; Sie war der Höhepunkt des italienischen Kulturexports, der die Metropolitan als erste Bühne der Welt etablierte und den Kult des Tenors als singenden Erotikons - von Caruso bis Pavarotti - in New York begründete. In diesem Sinne steht „La Fanciulla del West“ auch dieses Jahr im Zeichen des Tenors. Nach vierjähriger Abwesenheit nämlich kehrt Jonas Kaufmann in die Hallen vom Lincoln Center zurück.

Der Einzug des deutschen Startenors

Seit seiner brillanten und wenig idiomatischen Interpretation von Massenets „Werther“ hat sich der deutsche Tenor aus vornehmlich familiären Gründen von Auslandsengagements distanziert und die Metropolitan gemieden. Die Neuproduktionen von „Manon Lescaut“ - an der Seite von Kristine Opolais - und „Tosca“ in den Jahren 2016 und 2017 sagte er ab. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ein Raunen ängstlicher Erwartung durch das Publikum ging, als der Vorhang sich über Kaufmann hob.

Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das baritonale Timbre verleiht dem Charme seines gestischen Spiels eine charakterliche Tiefe, die man aus den Standardinterpretationen des Banditen Dick Johnson nicht kennt. Kaufmann beweist, dass er alle Register des italienischen Gesangs beherrscht und neben dem Paradestück des dritten Akts - „Ch’ella mi creda“ - ist es vor allem die weiche und beinahe sensitive Intonation der Duette, die seinen Rang als Startenor belegt. Natürlich wiederholt er ein Rollenporträt, das er unter der Leitung von Franz Weiser-Möst bereits 2013 einstudiert hat. Die Scharfsichtigkeit und singdarstellerische Intuition bleiben bravourös.

Das Mädchen aus dem Goldenen Westen

Der Stimmcharakter von Eva-Maria Westbroek hingegen kommt dem Selbstbild von Puccinis Heldin kaum zugute. Die Rolle basiert auf der Diskrepanz zwischen dem ebenso poetischen wie zerbrechlichen Ideal der Barbesitzerin Minnie und der prosaischen Realität, die sie inmitten von Goldgräbern und den Drohungen ihres Sheriffs gefangen hält. Westbroek bedient die seltenen Momente von Minnies Selbstüberwindung; die Gewalt ihres wagnerianischen Soprans jedoch erstickt die lyrische Fantasie, die - in der Nachkriegszeit - nur Renata Tebaldi erreichte. Die edle Einfalt und stille Größe bleiben Westbroeks tragischer Heroine fremd. Hinzu kommen technische Unsicherheiten, die sich vor allem in schlecht intonierten Spitzentönen bemerkbar machen.

Es ist umso erfrischender, eine nuancierte Darstellung des ansonsten stiefmütterlich behandelten Jack Rance zu erfahren. Zeljko Lucic wendet sich bewusst gegen die Konvention, den unglücklichen Sheriff als Gewaltverbrecher zu verstehen und singt seine vielleicht beste Partie seit der Titelrolle von Verdis „Macbeth“ im Jahr 2014. Der gewaltige Chor agiert ausnahmslos souverän und die Comprimarii sind mit Todd Simpson und Carlo Bosi solide besetzt. Besonderes Lob verdient die Leistung von Dirigent Marco Armiliato. Der Pultveteran bewältigt die schwierigen Tempowechsel mit einer Feinfühligkeit, die ihn als Experten des spätitalienischen Repertoires ausweist - seine Interpretation einer durchaus schwierigen Partitur ist ebenbürtig mit jener eines Leonard Slatkin oder Fausto Cleva.

Ein Meisterwerk

Das letzte Wort gilt der von Giancarlo del Monaco entworfenen Produktion, die sich als gegensätzliches Pendant zu der barocken Opulenz versteht, die Franco Zeffirellis ästhetische Signatur zum Beispiel in der aktuellen „Turandot“ trägt. Del Monaco hat eine nüchterne und farbarme Vision vom Goldenen Westen, die sich als Hommage an europäische Wild West Verfilmungen à la Sergio Leone versteht. Dadurch liefert er auch eine Interpretationsvorgabe, die sich gegen die Kitschvorwürfe einer traditionell Puccini-kritischen Musikologie richtet: „La Fanciulla del West“ ist ein verkanntes Meisterwerk, das in der tragischen Dimension seiner Charaktere die Modernität von Puccinis Kompositionsstil mit den krypto-religiösen Erlösungsgedanken von Wagners „Parsifal“ kombiniert. Diese Symbiose bildet den eigentlichen Reiz des Girl, den vor allem Kaufmann vollends versteht.

Dass es sich bei „La Fanciulla del West“ um eine klare Hörempfehlung handelt, steht außer Frage. Im Rahmen des Programms „The Met - Live in HD“ wird die Oper am 27. Oktober auch in den luxemburgischen Kinosälen von Kinepolis Kirchberg und Belval, sowie im Ciné Utopia ausgestrahlt.