PATRICK VERSALL

Als ich im vergangenen Sommer durch Zufall auf einen Tante-Emma-Laden in der französischen Provinz gestoßen bin, hatte ich sofort eine Idee vom Shoppen vor dem Einkaufszentrum- und E-Shopping-Zeitalter. In der Shopping-Steinzeit hetzte man nicht mit pfeilschnellen Einkaufswagen durch breite Gänge oder legte Artikel in virtuelle Einkaufstaschen. Mann oder Frau ließen sich bedienen und auch gerne beraten: „Sie möchten Erdbeermarmelade mit oder ohne Früchte oder vielleicht doch lieber die Aprikosen-Konfitüre aus Norditalien?“ Konnte sich der Kunde nicht entscheiden, stand der Krämer ihm gerne mit Rat und Tat zur Seite. Service am Kunden nannte man diesen Charakterzug, über den jeder Lehrling verfügen musste, wollte er es im Handel zu etwas bringen. Die Bedürfnisse des Kunden haben sich im Laufe der Jahre gewandelt, die Geschäftslandschaft sowieso.

Was aber bleibt - schenkt man aktuellen Umfragen Glauben - ist das Bedürfnis des Kunden, weiter in den Genuss einer professionellen und individuellen Beratung zu kommen. Diese soll aber bitte schön zum Nulltarif angeboten werden. Der elektronische Handel boomt: 2012 wurden alleine in Europa über 300 Milliarden Euro mit E-Handel umgesetzt, Tendenz steigend. Nur das mit der individuellen Beratung klappt online nicht so recht. Man kann ja schließlich nicht erwarten, dass jemand um 3.00 nachts mitteleuropäischer Zeit in Hong-Kong oder Montreal am Rechner sitzt und den Käufer am anderen Ende des Globus berät, welchen Kinderwagen oder welches Paar Lauf-Schuhe passt. Also geht man zum Schuhhändler um die Ecke, lässt sich ausführlich beraten und verabschiedet sich artig mit den Worten „Danke für die tollen Infos, dann kann ich jetzt zuhause meine Online-Bestellung abschicken. Bumm! Das haut auch den stärksten Einzelhändler um. Diese Beispiel ist nur eines von unendlich vielen, die von der zunehmenden Dreistigkeit von König Kunde zeugen.

Man mag nun argumentieren, dass der Einzelhandel während Jahren diese Situation herbei provoziert hat, da oft und gerne in die Auslagen und das Mobiliar investiert wurde und weniger in die Ausbildung des Personals. In Luxemburg haben die meisten Händler die Zeichen der Zeit erkannt und eingesehen, dass die Kunden nicht nur wegen der Preise nach Metz oder Trier fahren. Was aber tun, wenn die Händler ihre Lektion gelernt haben, der Konsument aber partout nicht versteht, dass es Beratung und Service nicht für lau geben kann. In Zeiten von Gratispresse und Gratis-Musikdownloads sehen viele Konsumenten auch nicht ein, wieso eine Waschmaschine im Handel teurer ist als im Online-Shop des Elektrogiganten. Eines sollte sich jeder vor Augen halten: Je mehr der Trend zum Online-Shopping geht, umso mehr gefährden wir die Ausbildungsplätze junger Menschen, die im Einzelhandel ihre beruflichen Perspektiven sehen. Klar soll man Preise vergleichen und derjenige, der noch nie bei Herrn eBay oder Frau Amazon den Warenkorb gefüllt hat, soll diese Zeilen schnell vergessen. Für alle anderen gilt: Auch in Zukunft lohnt sich der Ausflug in die reale Shopping-Welt.