LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die Kunst des Neuen

Ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl und starre angestrengt auf die Tastatur des Laptops. Etwas Neues! Etwas Neues muss her, etwas, das noch niemand zuvor so gedacht hat, auch nicht ich selbst. Etwas, das den Leser dazu bringen soll zu sagen: „So habe ich diesen Sachverhalt noch nie gesehen!“. Etwas, das nicht aus der Klamottenkiste hervorgeholt, aus der Literatur zitiert oder von persönlichen Vorbildern übernommen wurde.

Appell an die Kreativität

Als ich angefangen habe zu schreiben, war das noch einfach. Da erfüllte mich jeder Gedankenansatz mit Neugierde und dem Reiz des Unbekannten, so dass ich ihm auf jeden Fall auf den Grund gehen bzw. ihn zu Ende denken wollte. Als ich jünger war, hat mich selten etwas gelangweilt.

Heute sieht das zugegebenermaßen anders aus. Die Menge an Texten wächst mit jedem Tag, es dürfte kaum noch einen Gedanken geben, der nicht gedacht wurde und mit jeder Zeile, die ich lese, lerne ich mehr dieser Ideen kennen. Die Wahrscheinlichkeit also, dass mir etwas Neues einfällt, wird stetig geringer.

Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, ein und den gleichen Einfall bis zum Überdruss auszuwringen, ihn zu wiederholen, zu drehen und zu wenden, neu zusammenzusetzen, ihn zu relativieren oder auf die Spitze zu treiben. Um den Ansprüchen eines qualitativ hochwertigen Textes gerecht zu werden, kommt der alte Hut allerdings nicht in Frage, auch dann nicht, wenn er mit „Perwoll“ gewaschen wurde. Das Alte neu aussehen zu lassen kann jeder, in meinen Augen sollte dem eigenen Erfindergeist im besten Falle schon einiges mehr abverlangt werden.

Unerreichbares Ideal?

Letztlich frage ich mich, ob man diesem Druck auf Dauer wirklich standhalten kann. Manche würden mir wohl sogar entgegnen, dass es ganz und gar unmöglich ist, etwas gänzlich Neues zu erfinden. Nicht umsonst gilt nur Gott als der „creatio ex nihilo“ fähig. Doch darf man hierbei nicht vergessen, dass Kunst und Literatur einen Anfang haben. Die ersten Texte sind irgendwann, vielleicht nicht ganz aus dem Nichts – ohne Inspiration geht es schließlich nicht – aber zumindest nicht aus anderen schriftlich fixierten Ideen und Geschichten entstanden.

Das Schaffen neuer Einfälle, neuer Welten, neuer Perspektiven, ist aber nur die eine Seite der Medaille. Was mich momentan beinahe noch mehr beschäftigt, ist der Aspekt der Rezeption, der Wahrnehmung. Meine Leidenschaft des Lesens ist durch die Entdeckungslust begründet; ich lese, damit ich um einen oder um mehrere Gedanken reicher werde. Ich sammle sie, wie andere Briefmarken oder bunte Plastikenten. Als „literarischer Archäologe“ die mentalen Schätze aus Texten hervorzubuddeln, ist es, was mich erfüllt und antreibt und dann versuche ich, so gut wie es mir mit meiner jungen und noch beschränkten Sammlung möglich ist, etwas von diesem Reichtum weiterzugeben.

Manchmal aber habe ich Angst. Trotz aller Leidenschaft und Entdeckungslust, ist mir ein wenig unwohl dabei, die Suche um neue Texte zu erweitern und immer tiefer zu graben. Nicht nur, weil ich nicht weiß, ob mir gefällt, was dort verborgen liegt, da auch manch dunkler Fund in den Tiefen lauert, sondern vielmehr aus den Bedenken heraus, ich könnte mich irgendwann nicht mehr daran erfreuen. Denn wer ertappt sich nicht manchmal dabei, dass ein Text oder Gedanke ihm unspektakulär und belanglos erscheint, weil er ihm derart bekannt vorkommt und ein Déjà-vu nach dem anderen bei ihm auslöst?

Wiederholung gleich Langeweile

Es erinnert mich daran, wie ich als Kind Sticker mit Bildern von „Harry Potter“ oder „SpongeBob Schwammkopf“ gesammelt habe, die man in ein Album kleben konnte. Während ich das anfangs noch aufregend fand und quasi nie ein Sticker doppelt vorfand, war nach einigen Wochen des Sammelns das Gefühl ein anderes, wenn ich die Fünfer-Packungen aufriss. Die Euphorie wich dem flehenden Bangen: „Bitte, bitte, lass kein Bild dabei sein, dass ich schon habe.“ Doch selbstverständlich hatte ich schon nach kurzer Zeit einige Sticker in doppelter, drei- oder sogar vierfacher Ausführung und da das Tauschen dieser Bilder mir nicht zusagte und ich mir dann vorgekommen wäre, als hätte ich geschummelt, verlor ich alsbald das Interesse und gab mich lieber damit zufrieden, ein Album mit einigen leeren Feldern zu haben als eine Menge Mühe und Geld darin zu investieren, noch mehr Kopien anzuhäufen.

Zeitliche Distanz schaffen

Nun mag das Leben, die Literatur, kein Stickeralbum sein, und es lohnt sich, mehr Ausdauer an den Tag zu legen. Dennoch male ich mir aus, wie es für einen besonders belesenen, weisen und nachdenklichen Menschen sein muss, wenn er seine Bücher aufschlägt, mit dem gleichen mulmigen Gefühl, mit dem ich einst die Packungen mit den Abziehbildern aufriss, und enttäuscht feststellt, dass sie ihn nicht mehr bereichern können, weil ihm alles schon auf irgendeine Weise bekannt vorkommt.

Vielleicht aber ist es, wie wenn wir jeden Tag das gleiche Gericht essen. Möglicherweise muss er seine Lektüre einfach nur für einige Zeit zur Seite legen, um sich wieder daran erfreuen zu können, denn anders als ein Stickeralbum liefert sie ihm keine starren, unveränderlichen Bilder, sondern formbare Gedanken, die trotz Gleichartigkeit einander so ähnlich eigentlich nicht sein können. „Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht mehr an“, doch wenn er verschwindet und am nächsten Tag erneut erscheint, beginnen diese 15 Minuten von Neuem.