LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Luxemburg verstärkt die medizinische und psychologische Betreuung der Flüchtlinge

Folter, Vergewaltigung, Bombenangriffe, Tote: Erlebnisse und Bilder, die auch die in Luxemburg angekommenen Flüchtlinge prägen. Ihr Leidensweg endet aber nicht mit der Ankunft in einer Auffangstruktur. Posttraumatische Störungen sind nicht selten die Folge. Manche bringen Krankheiten mit, die hierzulande inzwischen selten sind. „Die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf die Gesundheitssysteme der EU sind nicht von der Hand zu weisen“, sagte gestern Gesundheitsministerin Lydia Mutsch.

Gleicher Zugang zum Gesundheitssystem

„Nach einer langen, anstrengenden Reise braucht ein Flüchtling nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern unbedingt auch eine medizinische Versorgung. Wie alle anderen Bürger muss auch er Zugang zu sämtlichen medizinischen Leistungen haben“, unterstrich sie. Jeder Neuankömmling wird im „Centre Médico-Social“ von einem Ärzteteam des Zentrums sowie der „Division de l’Inspection Sanitaire“ untersucht: Rund 50 Personen pro Woche, 200 pro Monat. „Mit den Mitteln, die wir derzeit zur Verfügung haben, könnten doppelt so viele betreut werden. Trotzdem wurden bereits zusätzliche Anstrengungen unternommen, um auch künftig gut aufgestellt zu sein“, bemerkte Mutsch, die sich gestern selbst ein Bild von den Diensten des „Centre Médico-Social“ machte.

Durch die medizinische Versorgung soll indes gleichzeitig jegliche Gefahr für die öffentliche Gesundheit ausgeschlossen werden, wie die Ministerin hervorhob: „Es geht uns auch darum, dafür zu sorgen, dass keine ansteckenden Krankheiten importiert oder verbreitet werden.“ Impfungen seien zwar nicht obligatorisch, jedoch würden sich quasi alle Neuankömmlinge gegen die gängigen Krankheiten impfen lassen, berichtete Dr. Pierre Weicherding von der Gesundheitsaufsicht. „Diese Menschen kommen aus vielen Teilen der Welt, wo die gesundheitliche Situation ganz anders ist als bei uns, wo es also eine ganze Reihe ansteckender Krankheiten gibt, die wir hier inzwischen im Griff haben“, erklärte er, gab aber zugleich Entwarnung: „Die Flüchtlinge sind fast alle bei guter Gesundheit“. Trotzdem würden sie einer eingehenden Untersuchung - Röntgen der Lungen, Hauttests, Blutanalyse - unterzogen, etwa um Tuberkulose auszuschließen.

„Viele Flüchtlinge haben psychische Probleme, die sie alleine nicht meistern können, sodass sie dringend professionelle Hilfe benötigen. Unser System ist momentan noch nicht genug auf die Versorgung von psychisch kranken Flüchtlingen vorbereitet. Wir sind aber dabei, diese Betreuung enorm auszudehnen“, so Mutsch.

„Zwei Drittel der erwachsenen Flüchtlinge haben Gewalt gegenüber anderen erlebt. Die Hälfte hat Tote - teilweise stark verstümmelte Leichen - gesehen. Viele wurden selbst Opfer von Gewalt. Auch 40 Prozent der Kinder waren Zeuge von körperlicher Gewalt, nicht selten gegenüber engen Familienmitgliedern. 40 Prozent von ihnen berichteten von Bombardierungen, dem Einsatz von Schusswaffen und Granaten. Sehr viele mussten über einen langen Zeitraum unter Hunger und Durst leiden. Viele erlebten seelische und körperliche Gewalt. Das ging von Todesdrohungen über Scheinexekutionen bis hin zu körperlicher Folter. Manche Mädchen und Jungen wurden vergewaltigt“, berichtete Dr. Juliana D’Alimonte, Psychiaterin der „Division de la Santé“, die einen Großteil der Neuankömmlinge betreut hat.

Tiefgreifende Störungen möglich

Nicht immer sei eine psychische oder psychiatrische Betreuung notwendig, bemerkte sie, traumatische Erlebnisse könnten in manchen Fällen aber durchaus zu tiefgreifenden Störungen führen, etwa zu posttraumatischen Belastungsstörungen. „Bei dieser Erkrankung leidet der Betroffene unter Erinnerungen, die immer wiederkehren, sei es in Form von Albträumen oder durch so genannte Flashbacks. Depressionen können auftreten. Suizidgedanken sind nicht selten. Kinder können in ihrer Entwicklung zurückbleiben. Viele reden nicht über das Erlebte, legen aber ein autistisches Verhalten an den Tag. Wenn diese Symptome nicht behandelt werden, können die Folgen dramatisch sein“, warnte die Psychiaterin.

Auf Risikofaktoren, die die mentale Situation der Flüchtlinge zusätzlich verschlechtern könnten, wies die Expertin ebenfalls hin: „Etwa die lange administrative Prozedur, die fehlende Arbeitsgenehmigung, die Sprachbarriere, Diskriminierung“. Daneben listete sie aber auch Schutzfaktoren auf, die das Entstehen einer langfristigen psychischen Erkrankung verhindern können: „Wichtig für die psychische Gesundheit ist neben der sozialen Unterstützung auch die soziale Anerkennung. Wie sie aufgenommen werden, wirkt sich ebenfalls auf die Psyche der Flüchtlinge aus“. Systematisch wird deshalb ein Psychiater in die Auffangstrukturen geschickt, um sich mit den Neuankömmlingen zu unterhalten, die weitere Betreuung abzuschätzen und schließlich in die Wege zu leiten.