PASCAL STEINWACHS

Auch wenn Aids alljährlich noch immer mehr als eine Million Menschen das Leben kostet, Schätzungen der UN-Organisation UNAIDS zufolge weltweit über 36 Millionen Menschen mit dem Erreger HIV infiziert sind (die meisten von ihnen leben in afrikanischen Ländern südlich der Sahara) und sich auf dieser Welt immer noch jeden Tag rund 14.000 Unglückliche neu mit dem HI-Virus anstecken, so ist Aids in der Öffentlichkeit aber schon längst kein Thema mehr. Lediglich zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember, der inzwischen aber eher als Pflichtübung daherkommt, kommt die Thematik kurz zur Sprache, aber das war‘s dann auch schon wieder bis zum nächsten Jahr. Der größten Tageszeitung des Landes - und das dürfte leider symptomatisch sein - waren die aktuellen Zahlen aus Luxemburg jedenfalls gestern gerade einmal einige wenige Zeilen auf ihren hinteren Seiten wert, noch unter einem Artikel über die „Wildunfälle in einer Nacht“, aber vielleicht folgt ja noch ein größerer Artikel zum Welt-Aids-Tag selbst.

Dabei ist die Situation auch hierzulande alles andere als beruhigend, gab es doch bis jetzt, das heißt bis Mitte November, bereits 84 Neuinfektionen in diesem Jahr, darunter 63 Männer und 21 Frauen. Bis zum Jahresende erwarten sich die Experten insgesamt 93 neue Fälle, so dass dieses Jahr ganz nah an den traurigen Rekord von 2014 mit 97 Neuinfektionen herankommt (wobei auch 2015 94 Neuinfektionen verzeichnet wurden). Die meisten Infektionen wurden im Großherzogtum indes durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr hervorgerufen, so dass der Mythos, Aids sei immer noch in erster Linie eine Schwulenkrankheit (wie sie anfangs despektierlich genannt wurde, und in gewissen Kreisen immer noch genannt wird), sich wohl endgültig erübrigt hat. Nichtsdestotrotz dürften sich aber vor allem diejenigen, die sich einer Risikogruppe zugehörig fühlen, eher für einen Aids-Test entscheiden, und das sind nicht die Heterosexuellen, sondern die Homo und Bisexuellen sowie - sofern sie denn dazu fähig sind - die Drogenabhängigen. Wer sich nämlich keiner Risikogruppe zugehörig fühlt, der macht auch keinen Aids-Test, und wer keinen Aids-Test macht, der riskiert wiederum, andere anzustecken.

Wie die Weltgesundheitsorganisation und das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten am Dienstag mitteilten, soll dann auch einer von sieben Betroffenen nicht ahnen, dass er HIV-positiv ist. In Luxemburg, wo derzeit etwa 1.100 Personen HIV-positiv sein sollen, wird diese Zahl mit 13 Prozent angegeben.

Dass die Zahl der HIV-Infektionen trotz aller Aufklärungskampagnen nicht abnimmt und in osteuropäischen Ländern sogar ein Rekordhoch erreicht hat, dürfte indes darauf zurückzuführen sein, dass Aids in Staaten wie Russland immer noch ein Tabu darstellt, derweil es in den westlichen Ländern wie Luxemburg einfach nicht mehr ernst genommen wird, und infizierte Personen ihre Medikamente inzwischen wie eine morgendliche Vitamintablette schlucken sollen, wie kolportiert wird. Einen Impfstoff gegen HIV gibt es jedoch trotz aller medizinischer Fortschritte bis jetzt nicht, und heilbar ist die Krankheit ebenfalls nicht. Einen Grund zur Entwarnung gibt es demnach nicht: Prävention sollte wieder Trumpf werden...