Als Marcelle Walch den Posten als Direktionsbeauftragte bei „SOS Détresse - Hëllef iwwer Telefon“ im Jahr 1998 antrat, war der Beratungsdienst den Kinderschuhen quer durch Europa längst entwachsen. Die Veränderung der Gesellschaft stellt nun aber neue Herausforderungen an die Mitarbeiter, - mit diesem Wandel haben sich nämlich auch die Probleme der Menschen verändert.
„SOS Détresse“ wurde Mitte der 70er Jahre europaweit gegründet. Warum gerade zu jener Zeit?
Marcelle Walch Ab dieser Zeit durften psychologische Probleme zunehmend angesprochen werden und galten nicht länger als rein medizinischer Gegenstand. Als Betroffener hat man sich zu diesem Zeitpunkt noch zu sehr geschämt und kaum nach Hilfe gefragt. Langsam aber sicher wurden psychische Probleme dann als solche wahrgenommen. Das Thema erlebte sozusagen eine Enttabuisierung.
Wie reagierten die Menschen damals auf den Beruf des
Psychologen
Walch Die Reaktionen bewegten sich zwischen Faszination und Unverständnis, so als würde es sich um einen Künstlerberuf handeln, ohne Zukunft, ohne Brot. So war das damals. Mitte der 90er Jahre hat sich das zum Glück endgültig geändert. Heute sind wir noch einen großen Schritt weiter, und endlich wird auch Luxemburg das dringend benötigte Psychotherapeuten-Gesetz bekommen. Ganz wichtig dabei ist: Wenn ein Land Psychotherapie gesetzlich anerkennt, bringt dies mit sich, dass sich die Betroffenen weniger
schämen und sich die dringend benötigte Hilfe suchen.
Ist das immer noch ein Thema?
Walch Leider ja. Wer sich schämt, geht ein Problem oft nicht so an, wie es nötig wäre. Der Betroffene ist dann in diesem Gefühl gefangen. Bereits das Gespräch mit einem anderen Menschen kann weiterhelfen. Nicht bei jedem Problem ist eine Therapie notwendig. Durch unsere Hilfe am Telefon können Betroffene zu neuer Energie und Hoffnung finden. Oft rufen Menschen an, ohne zu wissen, was genau mit ihnen los ist oder mit wem sie reden sollen. Es ist immer wichtig, seine Gesprächspartner mit Bedacht auszuwählen. Es gibt sicherlich delikate Themen, die man eher mit einer neutralen Person bereden sollte.
Bei Ihnen kann also jeder anrufen?
Walch Kein Problem ist zu groß und umgekehrt auch keines zu klein. Wir kümmern uns um alle Bereiche. Unsere Leute sind dahingehend ausgebildet, zu allen möglichen Schwierigkeiten Hilfestellung zu bieten. Und, ganz wichtig: Wir nehmen uns wirklich Zeit. Alles wird anonym und diskret behandelt. Es ist um einiges leichter, zum Hörer zu greifen, als sich irgendwo zeigen zu müssen. Was unsere Aufgabe anbelangt, so geht es oft in erster Linie ums Zuhören, und zwar ohne Bewertung. Wenn es Menschen nicht gut geht, sind sie verletzlicher und können schlechter mit Kritik umgehen. Außerdem haben sie „Scheuklappen“ auf. Sie sehen nicht, was sie schon erreicht haben und wie sie schwierige Momente gemeistert haben. Dies führen wir ihnen vor Augen. Wenn die Beratung über Telefon nicht ausreicht, versuchen wir sie dazu zu ermutigen, sich professionelle Hilfe zu suchen, resp. verweisen wir sie an die zuständigen Beratungsstellen weiter.
Wer sind die Anrufer?
Walch Unsere Anrufer rufen aus sehr unterschiedlichen Gründen an. Manche wenden sich wegen eines punktuellen Problems an uns. Meist reicht dann ein Gespräch. Dann gibt es wiederum diejenigen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden, die beispielsweise eine Trennung durchleben. Es kann vorkommen, dass der Betroffene über Wochen regelmäßig anruft, weil er diese Hilfe braucht. Der Anrufgrund kann auch ein Todesfall sein. Heute leben wir derart schnell und vergessen, dass Menschen lange Zeit brauchen, um eine schwierige Situation zu bewältigen. Manchmal muss immer wieder über etwas geredet werden, bis ein Thema abgeschlossen ist und Weiterentwicklung möglich wird. .
Wer sitzt an der anderen Seite der Leitung?
Walch Inzwischen haben wir ein Team von rund 50 Leuten. Wer den Hörer abhebt, ist immer Zufall. Gerade setzen wir die nächste Ausbildungsgruppe zusammen. Jedes Jahr machen wir einen Aufruf, um neue freiwillige Mitarbeiter zu finden. Diejenigen, die sich melden, tun dies, weil sie sich für den Menschen, dessen Psyche und im Allgemeinen für Lebensschicksale interessieren. Es fasziniert sie, was zwischen Menschen abläuft. Natürlich müssen sie auch gerne Gespräche führen und sich gern investieren, um weiterzuhelfen. Oft ist es auch der Wunsch, etwas anderes als Ergänzung zum Berufsalltag zu tun. Viele unserer Mitarbeiter sind über 40. Nicht selten handelt es sich um Menschen, die selbst eine schwierige Zeit hinter sich haben oder im Gegenteil vom Leben verwöhnt wurden.
Inwiefern profitieren die Mitarbeiter von diesem nicht unbedingt leichten Ehrenamt?
Walch Allein schon dadurch, dass wir ihnen eine fundierte Ausbildung anbieten. Auch die Kontakte zu anderen Menschen im Team, die ihnen ähnlich sind und die gleichen Interessen haben, sind bereichernd. Fest steht, dass man dafür gemacht sein muss. Die gesamte Ausbildung kann von den Interessenten für ihre eigene Klärung genutzt werden. Manche Bewerber merken erst im Laufe der Ausbildung, dass diese Tätigkeit ihnen doch nicht entspricht. Auch der Zeitaufwand ist nicht zu vernachlässigen. Die ehrenamtlichen Helfer arbeiten einmal pro Woche während mehrerer Stunden am Telefon. Sie werden unterstützt durch kontinuierliche Weiterbildung und Supervision. Natürlich vermitteln wir in der Ausbildung nicht nur Wissen und Techniken. Bei regelmäßigen Gruppentreffen kann man sich dann später austauschen und unterstützen. So ist die eigene Psychohygiene gesichert und geschützt. In diesem Sinne sind mehrere Psychologen bei SOS Détresse angestellt, an die sich die Mitarbeiter mit ihren Fragen wenden können.
Hat sich die Situation, beziehungsweise haben sich die Probleme in den vergangenen Jahren verändert?
Walch Dass die Krise eine deutliche Rolle spielt, merken wir unaufhörlich. Immer mehr Anrufer haben in mehreren Lebensbereichen Probleme, also sowohl in der Partnerschaft als auch in der Familie, der Psyche und der Arbeit, sodass es zu einem regelrechten Dominoeffekt kommt. Die Betroffenen leben quasi am Rande der Gesellschaft, befinden sich fast schon in einer Ausgrenzungssituation und wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll. Die Zahl der Anrufer mit umfassenden Problemen ist deutlich gestiegen. Außerdem fällt auf, dass immer mehr Personen von Gewalt betroffen sind. Dies ist eine äußerst ungünstige Entwicklung. Daneben gibt es immer mehr Menschen, die psychische Probleme haben.
Ist die Zahl tatsächlich gestiegen, oder ist einfach nur
eine größere Bereitschaft da, darüber zu reden?
Walch Beides trifft wohl zu. Unseren Dienst gibt es seit rund 38 Jahren. Die eben angesprochenen Probleme haben sich aber erst massiv in den vergangenen fünf oder sechs Jahren gezeigt. Ich kann mir vorstellen, dass der Druck der Gesellschaft - Zeitdruck, auch eine größere Angst, eine größere Isolierung - dazu beiträgt. Der gesellschaftliche Wandel schlägt vielen auf die Psyche. Wir Menschen haben das Grundbedürfnis - das ist kein Luxus, sondern ein wirkliches Grundbedürfnis - in Beziehung zu sein, Gespräche zu führen, Bindungen einzugehen. Heute muss alles schnell gehen, dadurch ist man innerlich nicht mehr so zugänglich, und oft fehlt die nötige Energie.
Wie kann man dem entgegen wirken?
Walch Wir müssen uns wieder bewusst werden, wie wichtig zwischenmenschliche Beziehungen für uns sind. Wir brauchen Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter schützen, anstatt ständig Druck auszuüben. Die meisten Menschen haben das Bedürfnis, effizient zu sein, zu arbeiten, kreativ zu sein, etwas zu erreichen. Wir sollten uns aber immer wieder besinnen und Prioritäten setzen. Wir brauchen kreative Ruhephasen, müssen Pausen einlegen, wirkliche Auszeiten bewusst einplanen, anstatt immer nur mitzulaufen. Wir müssen uns wieder Zeit nehmen, für Gespräche, für Unternehmungen, um nachzudenken. So listen wir einen wichtigen Beitrag zur Prävention und bleiben psychisch gesund.
Tel.: 45 45 45 (täglich zwischen 15.00 und 23.00, Freitag-
und Samstagnachts von 23.00 bis 7.00), www.454545.lu



