LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Gens de Luxembourg“ bewegt sich zwischen Bildband und soziologischer Studie

„Il y a le peuple. Il y a la population; et puis il y a les gens“: Mit dieser Feststellung beginnt der vor kurzem veröffentlichte dreisprachige Bildband von Raymond Reuter, zu dem Claude Frisoni mit seiner unverkennbaren Feder die Texte beigesteuert hat. Auch wenn in einem ersten Kapitel damit begonnen wird, die Unterschiede zwischen Volk, Bevölkerung und Leuten zu erklären, geht es doch in erster Linie um Letztere, deshalb auch der Titel „Gens de Luxembourg“. Sie hat der Fotograf teilweise in ganz alltäglichen Situationen mit seiner Kamera - in Schwarz-Weiß - eingefangen. Das Resultat ist: typisch Luxemburg. Dennoch entdeckt man als Leser/Betrachter Facetten des Landes, die man bis dahin vielleicht noch nicht kannte. Auch Raymond Reuter hat Luxemburg während seiner Arbeit an dem Buch von einer anderen Seite kennengelernt, wie er im Interview mit dem „Journal“ erzählt.

Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu machen?

Raymond Reuter In erster Linie die Zeit, die ich habe, seit ich in Rente bin. Ich brauche immer eine Beschäftigung und kann nicht einfach nur rumsitzen. Es ist ja nun nicht mein erstes Buch, das letzte - „100 Lëtzebuerger ronderëm d’Welt“ - habe ich vor 15 Jahren veröffentlicht. Anfangs hatte ich die Idee, diesmal vielleicht „100 Expats zu Lëtzebuerg“ zu machen. Dieses Projekt habe ich aber schnell verworfen und stattdessen den Plan gefasst, die Luxemburger Gesellschaft so zu zeigen, wie sie heute ist, das Ganze aber ohne VIPs, ohne Politiker und ohne Schickimicki.

Wo haben Sie diese „ganz normalen Leute“ gefunden?

Reuter Überall. Ich habe mir viel Zeit genommen, um das Land und seine Leute zu erkunden. Es kam schon mal vor, dass ich ein paar Tage unterwegs war, ohne überhaupt ein Foto zu machen, weil mir ganz einfach die Inspiration fehlte. An anderen Tagen habe ich dagegen so viel gemacht, dass es für zwei verschiedene Themen reichte. Ich sehe das Ergebnis in gewisser Weise als soziologische Studie der Luxemburger Gesellschaft. Dazu gehört beispielsweise auch der Juwelier Jacques Molitor oder ein Bäcker-Geschwisterpaar aus dem Ösling. Ich bin mir sicher, dass es ihre jeweiligen Läden so in ein paar Jahren nicht mehr geben wird. Das Buch ist demnach gleichzeitig ein Zeitdokument.

Die abgedruckten Fotos wirken irgendwie älter, als sie tatsächlich sind…

Reuter Das stimmt, zum einen liegt das natürlich daran, dass es Schwarz-Weiß-Fotos sind, zum anderen aber auch an der Tatsache, dass ich analog und nicht digital fotografiere. Das ändert viel. Bereits die Vorgehensweise ist eine andere, ich betätige nicht 100 Mal den Auslöser, sondern warte auf den passenden Moment. Mit Blitz arbeite ich auch nicht. Dadurch geht meiner Meinung nach zu viel von der Stimmung verloren. Immer wieder werde ich übrigens gefragt, ob die Momentaufnahmen tatsächlich in Luxemburg entstanden sind. Tatsächlich entdeckt man wohl mehr als eine unbekannte Facette des Landes. So habe ich etwa einen Geigenbauer aus Petingen bei der Arbeit fotografiert. Wer weiß denn schon, dass es in Luxemburg einen Geigenbauer gibt?

Sind Sie nach einem bestimmten Plan vorgegangen? Thematisch? Nach Region?

Reuter Eigentlich hatte ich überhaupt keinen Plan. Ich stamme aus Düdelingen, habe aber fast mein ganzes Leben im Ausland gelebt. Das Ösling kannte ich nicht wirklich. Der Vater eines Freundes, der Amateurhistoriker ist, hat mir dort viele besondere Ecken gezeigt. Das war natürlich genial, sonst wäre ich vielleicht etwas verloren gewesen. So hat sich das Ganze dann nach und nach entwickelt, und ich habe immer mehr Kontakte geknüpft, sodass ich schließlich Einblick in die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten bekam. Es war mir wichtig, alle Seiten zu zeigen, auch die Armut, was ja ein Thema ist, das hierzulande gerne unter den Teppich gekehrt wird. Das alles war nur möglich, weil ich mir die nötige Zeit - zwei Jahre - genommen habe, demnach ohne Druck vorging. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Es ist ja nun auch nicht alles todernst, es darf geschmunzelt werden. Noch dazu steckt hinter jedem Foto eine Geschichte.

Die Texte stammen von Claude Frisoni. Warum haben Sie gerade ihn gewählt?

Reuter Ich muss gestehen, dass mir kein Luxemburger einfiel. Claude Frisoni schreibt hervorragend. Und da er immerhin rund 30 Jahre hier verbracht hat, kennt er das Land auch gut. Seine Texte sind lebendig. Er schreibt mit dem nötigen Respekt, teilt gelegentlich ein bisschen aus, wird aber nie frech. Ein Jahr hat er sich übrigens Zeit für die Texte genommen. Von mir bekam er weder Anweisungen noch Richtlinien. Vorgaben meinerseits, wie viele Seiten das Buch im Endeffekt haben sollte, gab es auch nicht. Ich habe ihm also freie Hand gelassen. Lediglich das Fotomaterial habe ich ihm nach und nach zukommen lassen. Die Reihenfolge der Aufnahmen hat er dann während des Schreibens festgelegt, beziehungsweise sie hat sich so ergeben. Ausgehend vom ersten Foto, das offensichtlich Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten zeigt, macht er sich Gedanken darüber, was die Definition von „Nation“ ist, und dann verkettet er ein Foto mit dem anderen.

Warum sollte es ein dreisprachiges Buch werden?

Reuter Das Buch richtet sich an Luxemburger aber ebenso an in Luxemburg lebende Ausländer, deshalb sollte es auf Luxemburgisch, Englisch und Französisch sein. Claude Frisoni hat in der Tat sehr weit ausgeholt, sodass man auch als Luxemburger noch so manches über Ursprünge und Geschichte hinzulernen kann. Jean-Pierre Thilges hat das Ganze übrigens ins Luxemburgische übersetzt und dabei anscheinend mehr als einmal geflucht; bei manchen von Frisonis Wortspielen war das nämlich gar nicht so einfach.

www.raymondreuter.com