LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über den Schein der Prüfungswelt

Vor zwei Wochen habe ich meine letzten Prüfungen an der Uni abgelegt, vielleicht die letzten meines Lebens. Herausforderungen werden bestimmt noch viele auf mich zukommen. Es wird in Zukunft noch viele Male passieren, dass ich bewertet und beurteilt werde. Aber es ist womöglich das letzte Mal, dass ich eine Prüfung im eigentlichen Sinne geschrieben habe.

Prüfung: eine Utopie?

So wirklich kann ich das immer noch nicht glauben. Prüfungen gehören, seit ich denken kann, zu meiner Laufbahn dazu. Nun trauere ich ihnen nicht hinterher. Wer lässt sich schon gerne prüfen und verbindet die Prüfungssituation sowie die lange und anstrengende Vorbereitungsphase mit etwas Positivem? Wer erfreut sich schon an dem Stress und der Aufregung? Einen Charme hat sie aber, dem ich lange verfallen bin: das Objektivität und Fairness vorgaukelnde Benotungssystem!

Nun kann es rein objektive Benotung natürlich nicht geben, auch nicht im schulischen oder universitären Bereich. Kein Lehrer und keine Fachjury dieser Welt können vom eigenen Geschmack, von Sympathie und Apathie zu hundert Prozent absehen. Doch solange jeglicher Anflug von Subjektivität kaschiert wird und im Verborgenen bleibt, ist die vorgegaukelte heile Prüfungswelt in Ordnung. 

Abseits der Realität

Manchmal passiert ein Vorfall, der an der makellosen Oberfläche der Prüfungswelt kratzt. Dann beginnt der Glaube an die Objektivität zu bröckeln!

So seltsam es erscheint, vielleicht ist es ein Glück, wenn genau das passiert, in einer Prüfung. Nicht nur, weil so der Schein zerbricht und man gelassener und weniger verbissen an sie herangeht, sondern auch, weil man so besser vorbereitet ist auf die Realität jenseits der Prüfungen, die erst recht nicht auf objektiven Bewertungskriterien aufgebaut ist.

Von welcher Realität die Rede ist? Ich meine damit alle möglichen außerschulischen Lebens- und Alltagssituationen, in denen wir uns gegen eine Konkurrenz behaupten müssen, und bei denen nicht wir selbst, sondern andere Personen oder ganz einfach der Lauf der Dinge entscheiden, ob wir unsere Ziele erreichen und schaffen, was wir uns vorgenommen haben.

Gemein ist ihnen, dass absolute Fairness dort gar nicht erst vorgaukelt wird. An ihnen wird deutlich, wie komplex Leistung ist, wie unterschiedlich sie definiert werden kann und wie unnütz sie ist, wenn sie sich nicht mit anderen Dingen verbindet. 

Schwarz oder weiß

Stellen wir uns beispielsweise einen jungen Mann namens Klaus vor, der sich um einen Job bewirbt und der neben einem anderen Bewerber namens Philippe zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Nun gibt es eine schier endlose Liste an Eigenschaften, die für den Job relevant wären, darunter Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Engagement, Teamfähigkeit und ein seriöses Auftreten, aber sicher auch Details, auf die man Anhieb gar nicht kommen würde. Entscheidend ist, ob nun eher Philippe oder Klaus mit ihren Stärken und Schwächen dieser Liste entsprechen.

So weit klingt das noch nach einem fairen und objektiven Verfahren. Doch das ist nur die Theorie. Denn der Chef fertigt eben keine solchen Listen an und es wäre ihm auch gar nicht möglich, selbst, wenn er es wollte, annähernd adäquat und vollständig die Anforderungen und die Merkmale der Personen tabellarisch auf ein Blatt Papier zu bringen. Stattdessen werden einige wenige Kriterien den Ausschlag geben, die er, mit einer gewissen Willkür, als vorrangig ansieht. Vielleicht lässt er sich durch den Gesamteindruck sogar zu einer Bauchentscheidung hinreißen.

So oder so gehen Philippe und Klaus nicht mit einer Note nach Hause, nicht mit einer Zahl. Es gibt für sie nur ein „Ja“ oder „Nein“ und nichts anderes zählt. Wie nah sie sich am Erfolg oder Scheitern bewegen, ist im Grunde völlig irrelevant. Wirklich folgenreich ist nur, wo das Pendel letztlich ausschlägt: in die eine oder in die andere Richtung. 

Das Rätsel des „Warum“

Wie Philippe und Klaus erhalten wir im seltensten Fall absolute Gewissheit. Wir erfahren zwar, ob wir den Job bekommen, ob unser Date den nächsten Schritt mit uns gehen möchte, ob wir bei der Schwiegermutter einen guten Eindruck gemacht haben, ob wir in einer Castingshow eine Runde weitergekommen sind, ob wir viele oder weniger Follower haben, ob unser Unternehmen rote oder schwarze Zahlen schreibt. Das umfassende „Warum“ aber bleibt fast immer ein nicht mit Worten beschreibbares Rätsel. Ein „Warum“ das wir, zu Schulzeiten, noch zu kennen geglaubt haben.

Ich habe fast immer sehr gute Noten erhalten und bereue nicht meinen Ehrgeiz und meinen Einsatz. Aber ich weiß, dass Prüfungen keine Miniaturen, keine Simulationen von außerschulischen Bewährungsproben sind und nicht widerspiegeln können, ob wir uns in ihnen wie in den Prüfungen behaupten könnten, da wir in jeder Situation wieder bei null anfangen und jede von ihnen neue Herausforderungen bergen. Ob wir sie meistern, liegt auch an Faktoren, die wir nicht beeinflussen können. Der Zufall muss uns in die Hände spielen und unsere Leistung muss von außen anerkannt werden, um fruchtbar zu sein.