LUXEMBURG
SVEN WOHL

Disney+ enttäuscht inhaltlich wie technisch

Seit letztem Monat ist Disney+ auch in Luxemburg offiziell verfügbar. Damit hat sich das „House of Mouse“ zehn Monate Zeit gelassen, um auch die heimischen Streaming-Freunde anzusprechen. Doch was lässt sich heute über das Angebot und die dahinter steckende Technik sagen? Und vor allem: Ist es die 6,99 Euro im Monat wert?

Viele Klassiker, wenig Exklusives

Eines sollte man vorweg feststellen: Disney versucht hier nicht, ein Modell aufzufahren, das jeden gleich stark ansprechen soll. Stattdessen werden ganz spezifische Zielgruppen angesprochen. Da wären zum einen Kinder und Jugendliche, welche zusammen mit erwachsenen Animationsfans die Klassiker und neueren Trickfilme von Disney und Pixar genießen wollen. In dieser Hinsicht ist lobenswert, dass auch zahlreiche Klassiker sowie neue Streifen -  „Frozen 2“ sei hier als prominentestes Beispiel genannt - verfügbar sind. Animationsserien aus den 90ern findet man hier ebenso, was alle Jahrgänge der 80er erfreuen dürfte.

Die Filmbibliothek wird vor allem von Disney- und Marvel-Stoff gefüllt. Das überrascht ein wenig, hatte Disney doch 21st Century Fox und damit deren Katalog an Filmen und Serien aufgekauft. Davon ist zumindest in der luxemburgischen Version des Dienstes nur wenig zu sehen. Die Simpsons sind zwar mit 30 Staffeln vertreten und die X-Men-Streifen, die nicht ab 18 sind, lassen sich ebenfalls hier ansehen, aber abseits von Ausreißern wie „Kevin - Allein zu Haus“ herrscht hier gähnende Leere. Die Betreiber haben bereits angekündigt, dass keine Filme ab 18 auf dem Dienst zu finden sein werden, was irritiert, lösen andere Anbieter das Problem stets durch spezifisch einrichtbare Kinderkonten. Aber es ist nicht nur hier, wo es im Vergleich zur Konkurrenz mächtig hakt.

Dass die App auf der Playstation 4 nicht sonderlich technisch ausgereift war, konnte bereits in den ersten Tagen festgestellt werden. Lange Ladezeiten gehörten vor allem anfangs dazu. Doch selbst als diese verschwunden waren, musste man immer noch zahlreiche Abstürze in Kauf nehmen. Wer ein Update-Muffel ist, dem gilt die Warnung, dass die App innerhalb von zwei Wochen von Version 1.00 auf 1.09 gebracht wurde und so alle paar Tage ein neuer Patch nötig war. Das zeugt nicht gerade von Stabilität, sondern von einer zusammengekleisterten App.

 Bei den Untertiteln fehlen sämtliche Einstellungsmöglichkeiten innerhalb der App. Während Netflix hier auch wenig Ausweichmöglichkeiten anbietet, lässt Amazon Prime Video einen die Größe und Farbe frei manipulieren. Nicht so bei Disney+: Hier muss über das Hauptmenü der Konsole die Einstellung umständlich geändert werden. Selbst wer das tut, muss einen Regentanz veranstalten, damit die Untertitel auftauchen, denn sobald man vor- oder zurückspult, verübelt einem die App das und verschluckt die Untertitel. Schlimmstenfalls kommt es dann in schnelleren Szenen auch noch zu Rucklern, was wahrscheinlich daran liegt, dass die App nicht genug buffern kann, wenn man hin- und herspult. Das macht es dann richtig schwierig, den Mandalorian zu verstehen.

Apropos „The Mandalorian“: Das größte Zugpferd von Disney+ dürfte der Grund sein, weshalb überhaupt viele hier reinschnuppern. Doch auch hier wagt Disney einen Rückschritt. Während andere Anbieter eine neue Serie auf einen Schlag ganz veröffentlichen, tröpfelt hier eine Episode nach der anderen nach und nach herein. Das wäre wenig ärgerlich, wenn es für jeden so wäre, doch in den USA und anderen Territorien ist die Staffel längst abgelaufen. Wer extra gewartet hat, bis er die Reihe offiziell schauen darf, bereut es, sich die Folgen nicht auf andere Weise besorgt zu haben.

Kühles Kalkül

Dahinter steckt natürlich eine Taktik, die über eine wesentliche Schwäche des Dienstes hinwegtäuschen soll: Es gibt zu wenig exklusive Inhalte. Wer die Marvel- und „Star Wars“-Filme eh schon auf Blu Ray sein Eigen nennt, sieht abseits von „The Mandalorian“ keinen triftigen Grund, hier Geld auf den Tisch zu legen. Da die vorhandenen Folgen so lange reichen, bis von der Serie die zweite Staffel anläuft und im Dezember „WandaVision“ die Marvel-Fans auf die gleiche Art und Weise entzücken soll, versucht Disney mit diesem Modell, die Abonnenten langfristig mit wenig Stoff an der Stange zu halten. Kühles Kalkül also, das einen unangenehmen Beigeschmack hat, haben andere Streamingdienste das gar nicht nötig.

Immerhin: Das Angebot an Sprachen lässt sich sehen und kann mit denen anderer Anbieter durchaus mithalten. Auch die Steuerung der App orientiert sich eindeutig an der Konkurrenz und geht auf den unterschiedlichen Plattformen sehr gut von der Hand. Die Aufteilung in Sammlungen ist eine interessante Neuerung, die ein Stück mehr Übersicht schafft. Richtig rund läuft es aber, wie bereits erwähnt, nicht. Sowohl technisch wie inhaltlich muss hier noch ausgebaut werden.