LUXEMBURG
MARCO MENG

René Closter ist das, was man einen Selfmade-Man nennt

René Closter, 1952 geboren, kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Als Feuerwehrmann Mitgründer der Luxembourg Air Rescue (LAR) hatte er dann, während er damals beruflich viel zwischen den USA und Europa hin und her pendelte, die Organisation ausgebaut. Inzwischen ist aus der Idee einer LAR mit 3.000 Einsätzen pro Jahr ein mittelständiges, international tätiges Unternehmen mit humanitärer Bestimmung geworden, das auf 150 Experten zählen kann und mit über 186.000 Mitgliedern die mitgliederstärkste Organisation in Luxemburg ist. Entspannung vom stressigen Berufsleben findet Closter vor allem bei seinen Tieren, zum Beispiel, wenn er mit seinem Hund Chaka, einem Rhodesian Ridgeback, joggen geht.

Ihr Werdegang ist ungewöhnlich. Wie war Ihre Schulzeit?

René Closter Meine Schulzeit hält sich vor allem ziemlich in Grenzen. Tatsächlich komme ich aus einem Haus von armen Leuten, so würde man heute sagen. Mein Vater war Zwangsrekrutierter, und weil er desertierte, wurde er zum Tode verurteilt und in ein deutsches KZ gesperrt. Die Familie war umgesiedelt worden, so dass mein Vater nach dem Krieg ein ganz einfacher Gemeindearbeiter war. Mit kleinem Gärtchen und ein paar Tieren haben wir uns als Selbstversorger über Wasser gehalten, was bedeutet: Ich musste von klein auf mit Hand anlegen. Ich erinnere mich noch, dass wir, wie es damals üblich war, im Schlafzimmer eine Weihwasserschale hatten. Und dieses Wasser war regelmäßig gefroren. Das mag eine Vorstellung davon geben, wie es damals war.

Um auf die Schule zurückzukommen: Eigentlich waren meine Noten ganz gut, und ich wollte aufs Gymnasium, aber mein Vater meinte dazu: „Wir haben das Geld nicht. Der Zug kostet so viel, das können wir uns nicht leisten, und außerdem brauch ich dich hier.“ Eines Tages erklärte mein Vater, er habe den Elektriker im Dorf getroffen, und der bräuchte einen Lehrling. „Ich habe ihm versprochen, du kommst“, erklärte mir mein Vater. So habe ich meine Ausbildung zum Elektriker und nebenbei Elektrotechniker gemacht. Als ich dann zwanzig Jahre alt war, ging ich zur Berufsfeuerwehr der Stadt Luxemburg. Das war das, was mich wirklich interessierte. Dort habe ich mich dann „hoch gearbeitet“, indem ich sämtliche Ausbildungen machte, zum Feuerwehrmann, zum Rettungsassistenten und auch zum Rettungstaucher und Spezialisten für Höhenrettung. Dann irgendwann hat eine Gruppe engagierter Berufsfeuerwehrmänner, darunter ich, zusammen mit Ärzten das Luxemburger Notarztsystem gegründet. Und die ganze Welt war gegen uns. Doch langsam haben wir uns durchgesetzt, das Rettungswesen wurde ein Gesetz, und endlich wurde es eine staatliche Geschichte. Bis dahin hatte Luxemburg keinen Rettungshubschrauber, und falls wir einen brauchten, mussten wir auf deutsche, belgische oder französische zurückgreifen, was meistens nicht klappte. Als wir dem Staat vorschlugen, so etwas auch in Luxemburg zu installieren, hieß es kategorisch: „Nein!“ Im Ösling, wo ich herkomme, da sagt man aber, wenn man will, dass ein Öslinger etwas tut, dann muss man es ihm verbieten...

Eines Freitags nun erhielt ich einen Notruf: Ein Lastkraftwagen hatte einem kleinen Jungen den Fuß abgefahren. Wir probierten, den Jungen und seinen Fuß, den ich in der Kühlbox aufbewahrte, nach Frankreich zu bringen, damit der Fuß dort wieder angenäht werden konnte. In Frankreich war aber Ferienbeginn, die Straßen waren alle blockiert. Wir versuchten, einen Hubschrauber zu bekommen - unmöglich. Als wir mit dem Notarztwagen im Krankenhaus in Frankreich ankamen, war es zu spät. Man konnte den Fuß nicht wieder annähen. Wissen Sie, ich habe mehr als 14.000 Notarzteinsätze mitgemacht, aber ich erinnere mich noch genau, als sei es gestern gewesen. Das hatte mich damals sehr schockiert. Daraufhin knüpfte ich 1989 zusammen mit ein paar Freunden Kontakt zur Deutschen Rettungsflugwacht, die uns einen Hubschrauber lieh. Dafür brauchte es natürlich auch eine Garantie, weswegen ich damals eine Hypothek auf mein Privathaus aufgenommen hatte. Das war das Gründungsdatum der Luxembourg Air Rescue. Die Feindschaft aber, die uns damals entgegenschlug, das kann man heute keinem mehr sagen.
Aber der Verein war doch etwas Positives.

Closter Jeder dachte, er bekäme ein Stück vom Kuchen abgenommen, der Staat, die Ärzte, es war der blanke Neid. Liest man die Zeitungsartikel von damals, verschlägt es einem die Sprache. Es wurde gefordert, dass ich aus der Feuerwehr entlassen werde. Man kann sich vorstellen, was das ein Gefühl für mich, ein junger Vater damals, war. Die Luxemburger Bevölkerung hatte allerdings extrem positiv auf unsere Idee reagiert, und wir gewannen schnell viele Mitglieder. Das hat das Blatt gewendet.

Auch in Ihrem Leben gab es dann wieder eine Wendung

Closter Ja. Damals erhielt ich das Angebot einer Bank, ob ich nicht für sie arbeiten wolle. Ich war überrascht, hatte ja eine ganz andere Ausbildung, außerdem war ich Staatsangestellter, pensionsberechtigt. Sollte ich das alles riskieren? Das Angebot aber war interessant, und so habe ich nebenher die nötigen Management-Schulungen mitgemacht und dann die Feuerwehr verlassen.

Die Bank schickte mich zuerst nach Tokio, dann war ich zwei Jahre in London, zwei Jahre in Hong Kong, ein Jahr in Dubai, zwei Jahre in New York, eine sehr bewegte Zeit. Und nebenbei mit Fax und Telefon - Internet gab es noch nicht - baute ich die kleine LAR mit auf. Doch irgendwie steckten wir fest, und die Frage stellte sich, ob wir das Ganze beenden oder dem Staat übergeben. Oder - so wurde ich gefragt - will ich es nicht übernehmen und Geschäftsführer der LAR werden? Ich war Bankdirektor, hatte einen super Job, gute Aussichten. Sollte ich wieder alles riskieren? Ich dachte darüber nach, diskutierte mit meiner Frau, und die Entscheidung fiel: Ja, ich werde es tun.So fing ich 1995 als Direktor bei der LAR an, die damals zehn Angestellte hatte. Heute sind wir ein mittelständisches Unternehmen, haben fünf Hubschrauber, die uns gehören, und wir betreiben sieben Jets. Weltweit sind wir bei internationalen Transporten von Patienten die Nummer 1. Wenn es ums Geld geht, halten sich ja viele lieber bedeckt, doch ich bin ganz offen. Würden wir nämlich kein Geld erwirtschaften, könnten wir auch keine humanitären Aufgaben wahrnehmen. Heute sind wir grenzenlos tätig und haben schon vielen Menschen das Leben gerettet. Als wir letztens zu einem Verkehrsunfall nach Deutschland flogen, fragte eine Frau erstaunt, wo wir herkämen. Die Antwort: Aus Luxemburg. Da entgegnete die Frau: Europa lebt also doch. Das, und eben Menschen helfen zu können, macht einen stolz. Mittlerweile hat mich die Deutsche Rettungsflugwacht, die uns am Anfang so geholfen hat, zu ihrem Vizepräsidenten ernannt.