BERLIN
CLAUDE KOHNEN

Unser Botschafter in Berlin über die Beziehungen zum großen Nachbarn und das Diplomatenleben

Seit etwas mehr als vier Monaten ist Georges Santer nun Chef der Luxemburger diplomatischen Vertretung in Deutschland. Die luxemburgisch-deutschen Beziehungen aber auch das Diplomatenleben standen im Mittelpunkt eines Gesprächs mit ihm.

Herr Santer, bevor sie ihren Posten in Berlin antraten, waren sie Botschafter in Paris. Wie muss man sich einen solchen Wechsel vorstellen?

Georges Santer Ich habe an dem einen Tag in Paris aufgehört und am nächsten Tag als neuer Botschafter in Berlin angefangen. Ein Wechsel ist immer sehr emotional. Es wurde ein Bezug zum Land und zu den Mitarbeitern in der Botschaft aufgebaut, die man nun verlassen muss. Man ist mit einer neuen Situation in allen Bereichen des öffentlichen Lebens konfrontiert und muss Kontakte neu aufbauen. Für eine gewisse Kontinuität ist aber gesorgt, weil ja nicht alle Mitarbeiter einer Botschaft gleichzeitig ausgewechselt werden.

Man hat den Eindruck, dass es in Luxemburg derzeit eine große Sorge darüber gibt, ob man den gewohnten Wohlstand in Zukunft noch wird verteidigen können. Wie ist Ihre Sicht aus der Distanz?

Santer Wir haben uns in der Tat daran gewöhnt, dass es in den vergangenen Jahrzehnten immer bergauf ging. Das hat dazu geführt, dass wir uns nicht genug in Frage gestellt haben. Das ist aber notwendig, wenn man sich weiterentwickeln will. Wegen des generell hohen Lohnniveaus müssen wir uns auf bestimmte Wirtschaftsaktivitäten beschränken, und in denen müssen wir besser sein als andere. Früher waren das die Telekommunikation oder der Finanzsektor, jetzt erlebt beispielsweise die Logistik einen großen Aufschwung.

Erst vor wenigen Wochen hatten wir eine Veranstaltung zur Logistik hier in der Botschaft. Wir sind also mitten in einem großen Umbruch. Manchmal wünschte ich, wir hätten den Optimismus der Amerikaner als Antrieb. Der fehlt uns Luxemburgern im Besonderen, aber auch den Europäern allgemein

Seit vergangenem Jahr gibt es eine Person in der Botschaft in Berlin, die sich nur um das Thema Wirtschaft kümmert. Vielleicht können sie deren Aufgabe kurz erläutern.

Santer Deutschland ist unser wichtigster Wirtschaftspartner. Deshalb haben wir uns entschlossen, Berlin als Standort für dieses Pilotprojekt zu wählen. Die Stelle wird von der „Chambre de Commerce“ finanziert, das Außenministerium trägt zum Großteil die Funktionskosten. Die gute Zusammenarbeit mit der „Chambre de Commerce“ kam uns auch bei der Gründung des „Business Club Luxemburg“ vor wenigen Monaten hier in der Botschaft zugute. Das soll keine Konkurrenz zu den Handelskammern oder den Honorarkonsulaten sein, sondern ist als Ergänzung gedacht.

Mehrere luxemburgische Partner sollen Luxemburg gemeinsam im Ausland vermarkten und nach neuen Opportunitäten suchen. Wir wollen auch besonders unser „Image de marque“ pflegen und verbessern.

Die Verbesserung des „Image de marque“ war ja auch mit ein Hauptgrund für das starke kulturelle Engagement der Luxemburger Botschaft in Berlin in den vergangenen Jahren unter Ihrer Vorgängerin Martine Schommer. Wollen sie diese Politik weiterführen?

Santer Absolut. Die jährlichen Kulturfestivals unter dem Namen „Luxemburg ist…“, während derer immer

ein anderer Aspekt der Luxemburger Kultur den

Berlinern näher gebracht wird, führen wir weiter. Aber die „Vermarktung“ der Kultur erstreckt sich über das ganze Jahr. Wir haben ja eine Person in der Botschaft, die sich nur um diesen Bereich kümmert. Kultur ist

ein wesentlicher Faktor, um das Ansehen unseres Landes zu verbessern.

Ein großes Ärgernis für viele Reisende sind die schlechten Bahnverbindungen zwischen Luxemburg und Deutschland. Auch die hohen Ticketpreise der Luxair sorgen für Unmut.

Santer Ich würde sogar noch die Schifffahrt hinzufügen. Die Schleusen an der Mosel insgesamt sind zu klein und zu schmal. Man hat es leider versäumt, im Infrastrukturwesen vorausschauend zu planen. Dass man jahrzehntelang diskutiert, bis endlich eine Eisenbahnstrecke von zwei Kilometern Länge bei Igel zweigleisig ausgebaut wird, ist nicht normal. Was die Bahnverbindung nach Süddeutschland anbelangt, besteht die Hoffnung, dass diese Region in ein paar Jahren über den TGV nach Straßburg besser an Luxemburg angebunden werden kann. Und was die Tarifstruktur der Luxair betrifft, so hat das Unternehmen gerade ein Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie sie sich zukünftig positionieren soll. Wir sollten jetzt auf diese Analyse warten.

Die SDP hat Peer Steinbrück zu ihrem Kanzlerkandidaten bestimmt. Als er noch Finanzminister war, hat er Luxemburg wegen seiner Steuerpolitik mit einem „Ouagadougou“-Vergleich beleidigt. Wie sehen sie einen eventuellen Bundeskanzler Steinbrück?

Santer Seine Aussagen damals haben in der Tat schockiert. Ich weiß aber, dass er im persönlichen Umgang mit Luxemburger Politikern durchaus ein angenehmer Gesprächspartner war und dass er für seine Finanzkompetenz geschätzt wird. Es bestehen außerdem hervorragende Verbindungen zwischen der SPD und Persönlichkeiten verschiedener politischer Parteien in Luxemburg. Deshalb sehen wir eine eventuelle SPD-geführte Bundesregierung ganz gelassen. Die Entscheidung liegt nun beim Souverän, dem deutschen Volk. Wichtig ist für uns, dass sich an der grundsätzlich proeuropäischen Haltung der deutschen Regierung nichts ändert.