COLETTE MART

Der diesjährige Bericht der STATEC zur sozialen Kohäsion, der anlässlich des internationalen Tages zur Beseitigung der Armut am 17. Oktober veröffentlicht wurde, lenkt erneut die Aufmerksamkeit auf die sozialen Probleme in unserem Land.

Wer in seinem privaten oder beruflichen Umfeld Menschen kennt, die nach Arbeit suchen, gewinnt einen Einblick in den äußerst schwierigen Weg, den diese gehen müssen. Immer mehr setzt sich nämlich die Gepflogenheit durch, dass Bewerber für eine Stelle überhaupt keine Antwort bekommen, was Menschen das Gefühl vermittelt, dass sie nicht einmal diese Geste der Höflichkeit wert sind. Arbeitssuche betrifft heute viele junge Menschen, die die Gerissenheit in den Vorstellungsgesprächen nicht kennen, die vielleicht nicht wissen, wie sie sich verkaufen sollen, und gegebenenfalls mit ehrlichen Werten zu ordentlichen Menschen erzogen wurden. Damit kann man heute in der Arbeitswelt nicht mehr unbedingt punkten, sind doch viele veröffentlichte Stellen bereits im Vorfeld vergeben.

Wie das Statec berichtet, klafft die Schere zwischen arm und reich weiter auseinander, und wer auf der Schattenseite der Gesellschaft steht, hat umso weniger Chancen, den Sprung in einen gut bezahlten Job zu schaffen. Prekarität und sozialer Ausschluss werden gegen die Betroffenen ausgelegt, sie sind in unserer Werteskala ein Zeichen des Versagens, während der sogenannte berufliche Erfolg gar nicht unbedingt auf Kompetenzen gründen muss, sondern genauso gut auf effizienten Netzwerken und gegebenenfalls sogar Rücksichtslosigkeit. Für sozial Schwächere wird es immer schwieriger, sich überhaupt noch Respekt in der Gesellschaft zu verschaffen, und dies kommt dann zu den schwierigen Monatsenden dazu.

Die Kostenexplosion auf dem Wohnungsmarkt macht derzeit Schlagzeilen, und es stellte sich heraus, dass bei sozial Schwächeren die Fixkosten über 50 Prozent des monatlichen Einkommens ausmachen können. Während um die Jahrtausendwende nur 12% der Menschen von Armut betroffen waren, sind es heute mehr als 18 Prozent.

105.000 Menschen haben es hier in Luxemburg schwer, über die Runden zu kommen, was unser Land keineswegs ehrt.

Um der sozialen Kohäsion zuzuarbeiten, ist im Endeffekt jeder Einzelne gefördert. Würden Arbeitgeber gezielter Menschen einstellen, die auf Arbeitssuche sind, anstatt trotzdem jenen den Vorzug zu geben, die Arbeit haben und noch zusätzlich einen Partner, der Geld verdient, kämen wir der sozialen Kohäsion mit langsamen Schritten näher. Aber ein Lebenslauf mit sogenannten Löchern, eine abgebrochene Schullaufbahn, ein schwacher sozialer Kontext oder eine berufliche Neuorientierung sind für einen Arbeitssuchenden fast unüberwindliche Barrieren. Sogar junge Menschen mit perfekten Lebensläufen können heute durchaus 50 Bewerbungen schreiben, und kaum eine Antwort bekommen, respektive in ein Vorstellungsgespräch gerufen werden, wo sie lediglich in die Ecke gedrückt werden. Zur sozialen Schere, die auseinanderklafft, kommt die emotionale Härte in unserer Gesellschaft, und hier muss jeder einzelne von uns mithelfen, denn ein Gesellschaftsmodell mit massivem sozialem Ausschluss stößt irgendwann an seine eigenen Grenzen.