LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Barbie feiert den 60. - und muss ewig jung bleiben

Barbara Millicent Roberts wird 2019 ganze 60 Jahre alt. Dabei sieht die Plastikschönheit wirklich nicht so aus - und das ist Absicht. Barbie hat viele Jobs - mal ist sie Astronautin, mal Primaballerina, mal Tierärztin; insgesamt über 200 Berufe -, ein Haus und ein Auto. Kinder hat sie nicht, dafür aber eine ganze Familie, in der vor allem jüngere Geschwister eine Rolle spielen. Dazu kommt ihr Dauerfreund Ken, mit dem es zeitgeistgerecht auch mal eine Beziehungskrise gab, sowie zahlreiche Freundinnen.

Barbie ist die meist verkaufte Puppe der Welt. Ihr Vorbild war die „Bild-Lilli“ - ihres Zeichens Hauptfigur einer Comic-Serie von Reinhard Beuthien in der Bild-Zeitung Ende der 50er-Jahre. Sie wurde von einer deutschen Firma produziert, die sich nach längerem Rechtsstreit mit Mattel, dem US-Unternehmen, das Barbie 1959 auf den heimischen Markt brachte, geeinigt hat.

Barbie ist heute ein Massenprodukt in vielen Ausführungen. Da gibt es kleine und große, dicke und dünne, welche, die aussehen wie Pocahontas und andere, die modernen Heldinnen wie Chloé Kim ähneln, die vergangenes Jahr als Snowboarderin Gold für die USA holte. „Mit der Marke Barbie verfolge ich ein einziges Ziel: Kleine Mädchen sollen durch die Puppe alles sein können, was sie wollen. Barbie stand schon immer für die Tatsache, dass uns Frauen alle Türen offenstehen“, wird Barbie-Mutter Ruth Handler von Mattel zitiert.

Die Marke passte sich dabei durchaus dem Zeitgeist an. 2015 erhielt Barbie erstmals einen flachen Fuß und es gab mehr Haut- und Haarfarben sowie Gesichtsformen. Mit Kampagnen wie „Du kannst alles sein“ oder „Dads who play Barbie“ versucht Mattel, auf Rollenspiele und Entwicklungen Einfluss zu nehmen. Denn der Marke ist durchaus bewusst, dass es die „Dream Gap“ gibt, jene Zeit im Alter von fünf bis sechs Jahren, wenn Mädchen anfangen zu glauben, sie hätten weniger Fähigkeiten und Talente als Jungen. Deshalb produziert Mattel seit 2015 „Sheroes“, Heldinnen, die den Weg raus aus dem rosa Tüllgefängnis zeigen sollen.

Heute besitzt ein Mädchen in Deutschland und wohl auch hierzulande im Schnitt sieben Barbies und auf jedem Trödel kann man für ein paar Euro Kleider und Puppen kaufen. Das war keineswegs immer so. Die erste Barbie wurde nur mit einem Badeanzug verkauft, damit die Mädchen sie selbst nach ihren Vorstellungen gestalten konnten. Doch die ersten angebotenen Kleider waren teuer, schließlich waren sie aus Brokat oder Seide. Der Stil von Barbie war in den 60ern von Jackie Kennedy und später vom Denver-Clan beeinflusst; immer nah am Zeitgeist. Insgesamt arbeitete Mattel mit über 75 Marken zusammen. Moschino, Lagerfeld oder Comme des GarÇons entwarfen für Barbie. Schon ab den 60er Jahren konnten Kinder die Kleider auch selbst mit Stiften oder Paletten gestalten.

Die erste Puppe kostete 1959 drei Dollar, umgerechnet etwa sechs Euro. Das war viel angesichts eines Monatslohnes von 200 bis 300 Dollar. Durch die Produktion und preiswertere Kleidung veränderte sich das. Parallel dazu kamen ab den 80er Jahren Sammler-Barbies in aufwendigen Kleidern oder Trachten auf.

In zahlreichen Filmen, TV-Serien und Videos spielt Barbie die Hauptrolle. Sie sollte modern sein und mit der Zeit gehen, als Sprachpuppe oder Vloggerin. Doch löste das Modell „Toy Talk“ auch Kritik aus. Denn mit der 2016 eingeführten Puppe konnten Kinder nicht nur sprechen, ihre Eltern konnten diese Gespräche später auch abhören. So holte Barbie Big Brother ins Kinderzimmer.

Heute gibt es Barbie in 45 Nationalitäten, ethnischen Darstellungen und, seit sehr kurzer Zeit gemessen an ihrem Alter, auch mit realistischeren Formen. Die Tatsache, dass es so lange gedauert hat, bis die Vielfalt der Frauen sich auf die Figur niedergeschlagen hat, spricht Bände über das Verständnis der Rolle der Frau. Eines ist jedoch immer gleich geblieben: Barbie ist eine faltenlose, makellose Schönheit, der man ihr Alter nicht ansieht. Und das soll auch so bleiben.

Sex und Karriere

Entpuppen

Obwohl Barbie lange als sexistisch galt, dürften ausgerechnet selbstbewusst-feministische Stars wie Sängerin Beyoncé, Schauspielerin Lena Dunham und #MeToo-Initiatorin Tarana Burke dem Hersteller in die Karten gespielt und die Verkäufe angekurbelt haben. Zuvor hatten ihr vor allem die „Bratz“ und „Moxie Girlz“ vom Hersteller MGA Konkurrenz gemacht, zeitweise tobte der Puppenkrieg sogar vor Gericht. Mattel feilt mit den „Career Dolls“ (Karriere-Puppen) weiter am Image der Puppe. Unter den Heldinnen ist eine Puppe der Säbelfechterin Ibtihaj Muhammad mit muslimischem Hidschab, von Filmemacherin Patty Jenkins und Flugpionierin Amelia Earhart. Bei der feministischen Ikone Frida Kahlo ging der Schuss nach hinten los: Mattel hielt zu sehr an klassischen Schönheitsidealen fest. Die Kahlo-Puppe ähnelt dann auch der mexikanischen Malerin - Markenzeichen waren ihr Damenbart und ihre zusammengewachsenen Augenbrauen - nur entfernt. Vollständig sein wird die „Barbie“-Kollektion wohl nie. Heute fehlen aus Sicht von Kritikern etwa eine Transgender-Barbie und ein schwules Paar. Matt Jacobi und Nick Caprio aus Arizona legten im Dezember deshalb selbst Hand an: Sie kauften das rosafarbene Hochzeits-Set, nahmen die Barbie aus der Box und setzten einen zweiten Ken hinein. DPA