LUXEMBURG
ANNETTE WELSCH

Jahresbericht zur häuslichen Gewalt: Zwei Polizeieinsätze pro Tag - Leicht mehr Wegweisungen

Im Schnitt zweimal pro Tag rückt die Polizei aus, um bei einem Fall von häuslicher Gewalt zu intervenieren - das Phänomen gehört weiterhin zum täglichen Leben in Luxemburg und betrifft alle sozialen Klassen, alle Altersgruppen und alle Nationalitäten. 789 Fälle gab es im vergangenen Jahr - leicht weniger als 2015 -, in 256 Fällen kam es zu Wegweisungen des Täters - 14 mehr als im Jahr davor. In 24 Fällen schlugen volljährige Kinder die Eltern - eine leichte Steigerung zu 2015, wo 15 Fälle bei 242 Wegweisungen gezählt wurden. In sieben Fällen schlugen Eltern ihre Kinder, zwölf waren es noch 2015. Es ist sicherlich eines der ganz hässlichen Phänomene einer Gesellschaft, das sich hauptsächlich zwischen Paaren abspielt.

Der Name ist sperrig, die Arbeit mehr als wertvoll: Das „Comité de coopération entre les professionnels dans le domaine de la lutte contre la violence domestique“, in dem das Chancengleichheits-, das Justiz- und das Ministerium für innere Sicherheit, die Polizei, die Staatsanwaltschaften sowie die Vereinigungen, die sich um Opfer, aber auch um Täter kümmern, vertreten sind, trägt alle Aspekte in seinem Jahresbericht zusammen und überwacht, ob das Gesetz von 2003, das 2013 reformiert wurde, ordentlich umgesetzt wird.

Das Thema ständig ansprechen

Chancengleichheitsministerin Lydia Mutsch stellte den Bericht 2016 gestern in den Parlamentsausschüssen und der Presse vor. „789 offiziell gemeldete Fälle häuslicher Gewalt und eine hohe Dunkelziffer - wir können keine Entwarnung geben“, sagte sie. „Es ist wichtig, dass über häusliche Gewalt gesprochen wird und das Tabu gebrochen wird, denn Opfer sollen sich melden und Taten anzeigen.“ In diesem Zusammenhang verwies Mutsch auf die „Opferambulanz“, die im Staatslabor eingerichtet wurde. Sie sichert Beweise an Körper und Kleidung von Gewaltopfern und verwahrt sie für zehn Jahre, sodass eine Person, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht direkt die Tat anzeigen will, jederzeit auf die Beweise zurückgreifen kann.

Es bestätigt sich auch weiterhin, dass ein Drittel der Täter Frauen sind. Dass aber in über 90 Prozent der Wegweisungs-Fälle Männer der Wohnung verwiesen werden, erkläre sich damit, dass sie als gewalttätiger eingestuft werden, es aber auch leichter sei, einen Mann nachts auf die Straße zu setzen, von dem man erwartet, dass er zurechtkommt, als eine Frau, hieß es gestern. Bei den 37,6 Prozent der männlichen Opfer handelt es sich in der Hälfte um Opfer männlicher Gewalt. Was die Täter häuslicher Gewalt anbelangt, so waren 68,1 Prozent männlichen Geschlechts (2015: 66,7 Prozent Männer und 33,3 Prozent Frauen).

Als „klares Resultat der Sensibilisierung“ wertete die Ministerin gestern, dass die Zahl der Konsultationen in den Opferhilfestellen, aber auch die Täter, die von sich aus Hilfe suchen, anstiegen. Hier werde man auch weiterhin ansetzen und die Informations-, Sensibilisierungs- und Präventionsmaßnahmen gegen häusliche Gewalt ausweiten. Denn: „Sie tragen ihre Früchte.“

Im Blickpunkt stehen vor allem Projekte in verschiedenen Sprachen mit nicht-luxemburgischen Gemeinschaften, wie beispielsweise die Kampagne „La violence fait du mal a toute la famille“ mit Informationsbroschüren in sechs Sprachen, sowie das Theaterprojekt „Histoires - Théâtre-Débat“ in enger Zusammenarbeit mit dem Verband der portugiesischen Gemeinschaften in Luxemburg (CCPL).

Die Abgeordneten sorgten sich gestern früh vor allem um die Schicksale der 363 Kinder, die in Haushalten mit Gewaltausbrüchen leben. Sie regten auch an, dass das „Comité de coopération“ sich im nächsten Bericht mehr mit den Opfern befassen soll: Wie viele Paare haben sich getrennt, seit wann waren sie zusammen und wie viele Täter sind rückfällig?